„Als Teil einer Gruppe der weltbesten weiblichen Killer wird eine von ihnen, "Die Braut" (Uma Thurman) an ihrem Hochzeitstag samt ihren sämtlichen Gästen Opfer eines Attentats, das ihr Chef Bill (David Carradine) in Auftrag gegeben hat und das von ihren Kolleginnen (Lucy Liu, Vivica A.Fox, Daryl Hannah, Michael Madsen) durchgeführt wird. "Die Braut" wird für tot gehalten, ist allerdings nur für die nächsten vier Jahre außer Gefecht, da sie im Koma liegt.
Als sie wieder erwacht, startet sie einen einmalig gnadenlosen Rachefeldzug, indem sie eine Todesliste ihrer Kolleginnen und ihres Chefs erstellt und unter Einsatz eines besonderen japanischen Schwerts und sämtlicher sonstiger Mittel daran geht, einen Posten nach dem anderen abzuhaken...“(OfdB)
Kommentar
Was wurde nach JACKIE BROWN spekuliert, welches Sujet der nächste Tarantino-Film behandeln wird. Gerüchte gab es reichlich und die Interessen des Herren sind ja nun auch weitläufig gestreut. War RESERVOIR DOGS noch ein Gangsterfilm im Stile des frühen Scorsese, Melville, Peckinpah und der Heroic Bloodsched-Filme der Hong Kong-Regisseure, allen voran John Woo, erweiterte der geliebt/gehasste PULP FICTION sein Spektrum: Film Noir, 50s-Boxerdrama, Pulp-Love-Story, Blaxplotation etc. sowie sämtliche bereits in RESERVOIR DOGS verwendeten Einflüsse. 1997 folgte dann (nach einem kurzen, amüsanten Ausflug in den Episodenfilm FOUR ROOMS mit seinem Kumpel Robert Rodriguez (FROM DUSK TILL DAWN), Alexandre Rockwell (IN THE SOUP) und Allison Anders (GAS FOOD LODGING)) sein bislang reifster und schönster Film: JACKIE BROWN, eine Hommage an das 70er Jahre Blaxploitation-Kino sowie Exploiter aus Europa des selben Jahrzehnts.
Anfang der 1990er stand ein Projekt mit dem frisch in die USA emigrierten John Woo auf dem Zettel, selbst Chow-Yun Fat sollte hierfür gewonnen werden. Leider ist daraus nie etwas geworden und der traurige Abstieg John Woos in die Belanglosigkeit eines Joel Schumacher tut in der Seele weh.
Das asiatische Thema greift Tarantino nun in seinem neuesten Werk KILL BILL wieder auf. Unverschämter Weise wird uns der Film in zwei Hälften präsentiert. Harvey Weinstein von Miramax ist bekanntermaßen ein Hasser von Filmen mit Überlänge (nach seinen größten Erfolgen PULP FICTION (168 min) und THE ENGLISH PATIENT (Anthony Minghella; 160 min) nicht ganz nachvollziehbar) wollte KILL BILL auf keinen Fall in seiner gesamten Länge von rd. 200 min ins Kino bringen, da er mit dem Fortbleiben des Publikums rechnete. Da Tarantino zu Kürzungen nicht bereit war, entschloss man sich, den Film kurzerhand in der Mitte durchzuschneiden und im Abstand von 3 Monaten ins Kino zu bringen. Hoffen wir, dass nach den 3-Teiler-Erfolgen von LORD OF THE RINGS, MATRIX und HARRY POTTER die Produzenten von Langfilmen nicht alle auf die Idee kommen, Filme zu zerstückeln. An sich müsste man den Film boykottieren, wenn, ja wenn man nicht so neugierig wäre.
Um es kurz zu machen: KILL BILL (also die erste Hälfte) ist geil!!!! Der Film ist Rock’n’Roll!!!!! Allerdings hat er wiederum aber auch gar nichts gemein, mit der sensiblen dramatischen Erzählung eines JACKIE BROWN. KILL BILL ist ein B-Movie, Explotation-Kino par Excellence. Nicht mehr aber Gott sei dank auch nicht weniger. Ein mutiger Handstreich von Tarantino einen Film zu drehen, der so weit weg von irgendwelchen Oscar-Nominierungen ist, wie jeder Steven Seagal-Streifen. Auch seinen Gangsterfilm-Anhängern der Vergangenheit versetzt er einen Peitschenhieb (oder eher Samuraischwerthieb) ins Gesicht. Gangster in dunkeln Anzügen und One-Liner zum zitieren sucht man vergebens. Geredet wird kaum und die göttliche Uma Thurman trägt gelb (!).
Der mittlerweile 40-jährige Tarantino nutzt diesen Film natürlich wieder, sein gesamtes Wissen über B.Movies an den Mann zu bringen und fabrizierte eine Zitatensammlung, die seinesgleichen sucht. Im Vorspann erscheint direkt nach dem MIRAMAX-Logo das alte Shaw-Brothers-Emblem (in deren Studios auch gedreht wurde) mit dem Hinweis, dass dieser Film in „Shaw-Scope“ präsentiert wird. Uma Thurmans gelber Overall entstammt Bruce Lees GAME OF DEATH, Chiaki Kuriyama darf als Go Go Yubari ihre Rolle aus BATTLE ROYALE sogar in der gleichen Schuluniform fortsetzen, LADY SNOWBLOOD stand wohl Pate bei dem Duell zischen Uma Thurman und Lucy Liu als O-Ren-Ishii im malerischen, verschneiten Hof des Restaurants; der Schatten-Kampf vor der blauen Papierwand erinnert nicht nur an SAMURAI FICTION, es ist quasi eine Kopie (wobei zudem noch ein Stück des Komponisten (der japanische Elektronikkünstler Tomoyasu Hotei) aus einem anderen Film Anwendung findet), Musik aus der TV-Serie DIE GRÜNE HORNISSE, in der Bruce Lee den Kato mimte, kommt an anderer Stelle zu Gehör; es wird uns eine 10 minütige Anime-Sequenz zugeführt, als Reminiszenz an das japanische Manga-Kino; wenn Uma Thurman staunend die Schwertersammlung Hattori Hanzos betrachtet, erklingt ein Song aus Shunji Iwaiis ALL ABOUT LILY CHOU CHOU und nicht zuletzt eben dieser Hattori Hanzo selber, wird er doch verkörpert von Sonny Chiba, DEM Action Star Japans der 1970er Jahre (STREETFIGHTER). Übrigens eine traumhafte Szene zwischen Uma Thurman und Sonny Chiba.
Zweiter Schwerpunkt des Kill Billschen Zitatenschatzes ist das amerikanische B-Kino der 1970er Jahre sowie der Italo-Western. Neben stilistischen Mitteln (Close-Up der Augen, Reißchwenks, Musikeinsatz, Spannungsaufbau) erklingt Musik aus DREI VATERUNSER FÜR VIER HALUNKEN von Luis Enriquez Bacalov, WHITE LIGHTNING (DER TIGER HETZT DIE MEUTE), Darryl Hannah pfeift eine Melodie von Bernard Herrmann aus TEUFELSKREIS Y (TWISTED NERVE) im Krankenhausflur auf dem Weg zu ihrem Opfer, und Musik aus der Fernsehserie DER CHEF (IRONSIDE) findet ihren Weg in unsere Gehörgänge.
Und schlussendlich gegen Ende des Abspanns erinnert uns Tarantino noch einmal an die innerhalb des letzten Jahres verstorbenen Chang Cheh, Charles Bronson und Kinji Fukasato.
Soviel zu Vorbildern und Zitaten.
Erstaunlicherweise schafft Tarantino aus diesen Zitaten keine Episoden (erst Asien, dann Italowestern, dann US-B-Kino) sondern legt gekonnt alle Element in jeder Szene gleichzeitig wie Schichten übereinander, so dass sie einerseits permanent als Zitate erkennbar bleiben, andererseits eine ganz eigene Atmosphäre schaffen: Die Tarantinosche Gegenwelt, die ja bereits aus den Kosmen seiner bisherigen Werke bekannt ist. In KILL BILL jedoch verabschiedet sich Tarantino mehr denn je vom realistischen Erzählkino und gleitet in ein Pop-Universum, welches seinesgleichen sucht und kaum finden wird. Darunter leidet natürlich definitiv ein ganz wichtiges Element im Kino: Das Mitfühlen.
So genial Uma Thurman auch spielt, so viel sie in diesem dialogarmen Film in ihre Mimik legt, Mitgefühl und Empathie will nicht auftauchen, da wir uns in einer Popwelt befinden. Zwar gelingen Tarantino speziell in der handlungsreicheren ersten halben Stunde Momente der Ergriffen- und Betroffenheit (wenn Uma Thurman Vernita Green vor den Augen ihres Kindes umbringt und zur Neu Waisen meint, dass es ihr leid tue, sie aber zur Verfügung stehen würde, wenn die Kleine alt genug sei und sich rächen wolle, ist das ganz großes Kino), jedoch entfällt genau dieser Effekt in Hälfte zwei von KILL BILL VOL. 1, wenn die Handlung sich an japanischen Schwertkampfepen (und nicht Martial Arts, wie häufig fälschlich behauptet) orientiert und konsequenterweise das Blut in etlichen Fontänen die Leinwand rot färbt. Die Gewalt bekommt zu übertriebene Züge, gerät fast zu ästhetisch, um zu schockieren.
Eventuell ein Effekt, der bei der Rezeption des gesamten Werkes nicht entstehen würde. Hätte man Pulp Fiction in der Mitte geteilt, wäre auch viel Humor und recht wenig Drama in der ersten Hälfte gelandet. Und was wäre Jackie Brown ohne die Beziehung zwischen Robert Forster und Pam Grier? Warten wir es ab. Erst die zweite Hälfte des Films wird offenbaren, welche weiteren Ansätze Tarantino gewählt hat.
Schauspielerisch befindet sich KILL BILL auf hohem Niveau, zwar ist vieles over the top und das Drehbuch hat keinen rechten Tiefgang, aber was aus Uma Thurman herausgeholt wurde, gehört mit zu dem Besten des Jahres. Ihre Leinwandpräsenz erinnert schon fast an Stummfilmtage. Beeindruckend! Alle sonstigen Rollen sind darüber hinaus gut und – wir befinden und im Tarantinouniversum – gerne auch gegen den Strich besetzt (Wer erinnert sich noch an Darryl „Splash“ Hannah?).
Die Kameraarbeit ist ganz exquisit. Robert Richardson - Oliver Stone-Stammkameramann und Bildgestalter bei Scorseses BRINGING OUT THE DEAD - verrichtet wahre Wunderdinge mit seinem Instrument. Kamerafahrten über mehrere Minuten durch Riesensets, Bilder voller Melancholie und Schönheit, voller Rasanz und Dynamik und poppiger Übertriebenheit wechseln sich permanent ab.
Die Stuntchoreographie ist von Yuen Woo-Ping einstudiert, der uns schon bei CROUCHING TIGER & HIDDEN DRAGON, BLACK MASK und der furchtbaren MATRIX-Triologie mit seine Kunst verwöhnte. Jedoch verzichtet man vollends auf irgendwelche CGI-Spielereien sondern überlässt alles der Kunst Yuen Woo-Pings, den Kämpfern und den retouchierten, jedoch nicht verheimlichten Drahtseilen, an den die Kämpfer häufig hängen. Man meint wieder Kind zu sein, beim Betrachten dieser ruppigen (und nicht komischen á la Jackie Chan oder poetischen á la HERO etc.) Actionszenen. 40 Jahre und immer noch ein Kind. Herr Tarantino, weiter so!!
Ein Herzstück eines Tarantinofilms war seit jeher der Soundtrack. Alle drei Soundtracks der vorangegangenen Filme stehen bei nahezu jedem im Schrank und etliche häufig vormals eher unbekannte Songs gingen schon fast ins Allgemeingut über. Über einen Großteil des Musikeinsatzes wurde bereits oben einiges gesagt. Ergänzt wird dieses Fremdmaterial durch Musik von RZA (ehemals Wu-Tang Clan), der bereits Jarmuschs GHOST DOG mit wunderbarer Musik versorgte und eigenwilligen Werken wie „The lonley Shepherd“ mit Georghe Zamfir an der Panflöte (und dem James-Last-Orchester!!!) sowie Nancy Sinatras „Bang Bang“ während des Vorspanns, dem ein ähnliches Kult-Schicksal wie zuletzt Dusty Springfields „Son of a Preacherman“ im Nachgang von PULP FICTION zuteil werden könnte.
Nachdem KILL BILL Vol. 1 bereits am ersten Wochenende allein in den USA die Hälfte seines Budgets wiedereinspielte, kann Miramax noch mit großem rechnen und Tarantino wird weiterhin seine seltsam schönen, reflexiven, aber doch unglaubliche filmischen Streifen anfertigen dürfen. Wie man hört beschäftigt er sich derzeit mit dem Thema des Zweiten Weltkriegs.
KILL BILL gehört nicht zu Tarantinos besten Filmen, aber ist mit Sicherheit sein ehrlichster. Er erzählt kein großes Drama, hat aber mal eben die Mutter aller Asien-B-Filme geschaffen. Man wird über KILL BILL noch lange zu reden haben. Eine abschließende Gesamtbeurteilung kann man sowieso erst nach der Sichtung der zweiten Hälfte vornehmen, aber wer kann schon so lange warten?
KILL BILL sollte man übrigens auf jeden Fall in der Originalfassung schauen, da ansonsten doch jeglicher Sinn des Drehbuchs und der Dialoge kaputt gemacht wird. Man hört, dass für den asiatischen Markt eine Fassung angefertigt wurde, die mehr Gewalt-, Blut- und Kampfszenen enthält. Ein Fest für DVD-hersteller. Erst Kill Bill 1, dann Kill Bill 2, dann die gesamte Fassung, dann die japanische „Director’s Cut-Fassung“ und letztlich dann die Special Edition mit Samuraischwert und Stäbchen. Wir wollen halt betrogen werden. Wäre es doch nur immer so schön, wie bei einem Film von QT.
Mirco Hölling (20.10.2003)
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