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Isle, The
Südkorea, 2000, 89 min

Regie: Kim Ki-Duk
mit Suh Jung, Yoosuk Kim, Sung-hee Park, Jae Hyun Cho, Hang-Seon Jang

Ein einsamer idyllischer See im koreanischen Inland. Ein bizarres Hotel, bestehend aus kleinen verankerten Flössen verteilt auf dem See, auf denen ein kleines Holzhäuschen steht, in dem man nur kriechen kann. Geführt wird das Hotel von einer jungen stummen Frau, Hee-Jin, die mit ihrem Boot die Hotelgäste auf ihre Inseln bringt, sie mit Lebensmitteln und auch sexuellen Gefälligkeiten versorgt. Gegen Bezahlung, versteht sich. Die junge Hotelbesitzerin ist eine wilde, zigeunerhafte Naturschönheit, die völlig abgestumpft und unbeteiligt alles über sich ergehen lässt, für ihre Gäste jedoch nur Verachtung empfindet. Einzig das Geld interessiert sie, auch wenn sie sich hin und wieder eine kleine Rache an dem einen oder anderen Bewohner nicht nehmen lässt. Ihre Gäste sind Städter, die die Ruhe zum Angeln und Kartenspielen suchen, alte fette Männer, die die Abgeschiedenheit zu Schäferstündchen mit natürlich viel zu jungen Frauen suchen und Menschen, die, auf der Flucht vor Recht und Gesetz, das einsame Hotel als Zufluchtsort vor der Polizei nutzen.

Einer der letzteren ist der junge lebensmüde Ex-Cop Hyun-Shik, der sich von den anderen Gästen durch seine unsichere Introvertiertheit und eine gewisse Aufrichtigkeit unterscheidet. Hee-Jin ist sogleich angetan von ihm und sucht seine Nähe, was dieser sogleich als Einladung zum Sex versteht. Dies wiederum verleitet die ungestüme Hee-Jin dazu, ihn erst kräftig zu verhauen, ihm aber dann eine Prostituierte zu besorgen, die öfter den Gästen des bizarren Hotels zur Verfügung steht.
Hyun-Shik unterhält sich aber nur mit der Dame des amourösen Gewerbes.

Zwischen den beiden, dem sensiblen Flüchtling und dem zielorientiert wirkenden Naturmädchen entwickelt sich eine äußerst bizarre Liebesgeschichte, voller Zärtlichkeit, Melancholie, Gewalt, Schmerz, Verletzung und Schönheit. Umrahmt wird das ganze durch Episödchen der anderen Gäste, die nicht weniger bizarr und brutal anmuten.

Was für ein Film! Als ich ihn das erste mal im Jahr 2000 im Kino erblicken durfte, war ich einerseits fasziniert und begeistert, andererseits verstört, ob der dargebotenen Gewalt und Rücksichtslosigkeit. Denn über die physische Gewalt gegenüber Menschen, weist der Film auch eine ziemliche Derbheit gegenüber Tieren auf. Diese Szenen sind übrigens nicht durch filmische Tricks aufs Zelluloid gebannt, sondern sind schlicht und ergreifend echt. Extreme Tierliebhaber sollten diesen Film also definitiv meiden. Alle anderen erwartet eine Art von Film, die sie vorher (es sei den sie kennen einen andern Film des sympathischen kleinen Koreaners) sicherlich noch nicht gesehen haben.

Nur wenige Regisseure sind wie Kim Ki-Duk in der Lage, extremste Gewalt und märchenhafte Schönheit miteinander zu verbinden. Seine Figuren sind vielschichtig und geheimnisvoll und erschließen sich selten vollends beim ersten Sehgenuss. THE ISLE nun war sein Durchbruch in jener Region der Welt, die fortan sein treuesten Fans hervorbrachte: Europa. Fortan lief jeder seine Filme mit großer Aufmerksamkeit auf einem der A-Festivals, wobei das Publikum sich in Befürworter und Gegner spaltete, nur kalt ließen seine Filme keinen.

Ein Geheimnis des autodidaktischen Filmlaien (seine Ausbildung besteht aus Armeedienst und Studium der Malerei in Paris) dürfte seine schonungslos persönliche Herangehensweise sein. Dadurch gerät das Publikum in einen Sog, der seinesgleichen in der heutigen Filmlandschaft sucht. Man mag seine Filme verabscheuen, aber hochklassige und anspruchsvolle Güte sowie psychologische und emotionale Ausgefeiltheit und letztlich ein aufwühlendes Moment wird ihnen wohl niemand absprechen können.

THE ISLE verzaubert durch seine absolute Schönheit. Die Bilder, eingefangen von Suh-Shik Hwang SORUM) sind berückend ästhetisch. Dazu die Atmosphäre des eigenartigen Hotels, der stummen katzenhaften Naturfrau, der fast selbstverständlichen Gewalt und der Schmerzen und der entbrennenden Liebe der beiden Protagonisten ist nahezu unvergleichlich. Im europäischen Kino mag es ähnliches sehr persönliches Kino gegeben haben, dies aber gepaart mit der asiatischen optischen Finesse und dem ganz eigenen Stil der Figurenzeichnung des Kim Ki-Duk macht diesen Film zu einem Kleinod des modernen asiatischen Kinos.

So auch die Tonspur. Gesprochen wird kaum, und ein klavierlastiger, ruhiger, fast esoterischer Synthiescore (erinnert zum Teil an Keith Jarrets "Köln Concert") überlagert die Handlung und rundet den unglaublichen Eindruck, den man aus diesem Film mitnimmt, ab.

Die Schauspieler, nach eigenem Bekunden des Regisseurs keine Profischauspieler, sind ganz famos und verleihen ihren Figuren Leben und absolute Glaubwürdigkeit. Denn das ist typisch für einen Ki-Duk-Film: Intellektuell kann man vielleicht nicht jede Handlung der Figuren nachvollziehen, emotional stimmt das Ganze seltsamerweise aber doch wieder.

Wer nicht das Glück hat, den Film (in Deutschland im Verleih von Rapid Eye Movies) im Kino zu erblicken, sollte sich die HK-DVD für rund 15 € zulegen. Die Bildabtastung ist okay und der Ton für 2.0 sehr brauchbar und dynamisch. Geduldige können auch auf die seit langem von REM angekündigte deutsche DVD warten, aber wer ist angesichts eines solchen Films geduldig?

Mirco Hölling (10.04.2003)