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Dolls
Japan, 2002, 114 min

Regie: Takeshi Kitano
mit Miho Kanno, Hidetoshi Nishijima, Tatsuya Mihashi, Chieko Matsubara, Tsutomu Takeshigi

Als Vorlage für Dolls dient das traditionelle Bunraku-Puppentheater (Link: http://www.artelino.de/articles/bunraku.asp). Ihre Aufführung umrahmt das Geschehen der drei Geschichten, die uns Kitano erzählt.

Matsumoto und Sawako waren einst ein glückliches Paar, das für die Heirat bestimmt schien. Doch der junge Mann sah sich aufgrund des Jahrhunderte alten Erfolgsdruckes von Seiten der Eltern und der Gesellschaft gezwungen, die Tochter seines Vorgesetzten zu heiraten. Daran zerbrach Sawako und versuchte, sich das Leben zu nehmen. Nie wieder richtig genesen, wandelt sie wie in Trance durch die Welt, zu ihrer Sicherheit durch ein langes rotes Seil mit Matsumoto verbunden. In den Augen eines verwunderten Beobachters mögen sie ziellos umherstreifen. Doch Matsumoto und Sawako befinden sich auf der Suche nach etwas, das sie vergessen haben. Ihre Reise wird sie durch alle vier Jahreszeiten führen...

Hiro war vor dreißig Jahren ein armer Fabrikarbeiter, dessen liebevolle Freundin ihm jeden Tag sein Mittagessen in den Park brachte. Er jedoch verließ sie, um seinen Traum von Erfolg und Macht zu verwirklichen. Heute als alternder Yakuza-Boss ist er allein, obwohl er von Respekt und Wohlstand umgeben ist, und leidet unter seiner schwächer werdenden Gesundheit. Doch dann zieht es ihn zurück in den Park, wo er sich immer mit seiner Liebsten getroffen hatte...

Haruna Yamaguchi war ein erfolgreicher Popstar und lebte allein in ihrer glamourösen Welt der TV-Shows und Autogrammstunden. Millionen bewunderten sie und sehnten sich danach, in ihrer Nähe zu sein. Nun verbringt viel Zeit an einem einsamen Strand, den Blick auf das Meer gerichtet, seit ihr schönes Gesicht nach einem Unfall halbseitig von Bandagen bedeckt ist. Nukui ist ihr ergebenster Fan. Heute ist er gekommen, um es ihr zu beweisen...

Dolls, Puppen, wie der Titel aussagt, sind alle Personen in diesem Film. Alles scheint bewegungslos und ein wenig unwirklich, wenn auch die Geschichten im heutigen "normalen" Japan angesiedelt sind. Alles wirkt etwas parabelhaft und schwerst symbolisch. Auch die Charaktere haben bewusst nur eine eindimensionale Tiefe erhalten. Nur ein einziger Gedanke bewegt sie; aus dem normalen Alltagsleben mit tausend verschiedenen Ängsten und Nöten scheinen sie jedoch herausgenommen zu sein. Wie im Puppenspiel eben.....

Wenn Matsumoto und Sawako den ganzen Film über durch Japan wandern, verbunden mit einer Kordel und alle vier Jahreszeiten in farbenprächtigsten Bildern durchwandern wird einem das Gleichnishafte bewusst. Die ewige und einzige und wahre Liebe wird gesucht und zumeist nur unter Entbehrungen gefunden. Jedoch sollte es immer das Ziel sein, sie anzustreben, auch wenn großes Leid folgen könnte.

Nach Kitanos US-Ausflug BROTHER, der vielen Kitano-Fans zu potpurrihaft war, ist Kitano nun japanischer als je zuvor. "Gott sei Dank" kann man nur sagen, denn diese Situation war der Scheideweg, an dem sich möglicherweise das Schicksal seiner zukünftigen Filme entschied. Diesmal ist Kitano jedoch so japanisch geworden, dass ein Großteil seiner westlichen Fans bei der Betrachtung dieses Films vor Langeweile einschlafen wird. DOLLS ist schwer zugänglich, extrem ruhig (und hier meine ich wirklich extrem!!!), sehr handlungsarm, abstrakt, wortlos. Andererseits jedoch einfach nur wunderschön, wahrhaftig, intelligent, experimentalistisch und mit tiefer Wirkung. Bei keinem seiner Filme wird sich das Publikum so extrem in Begeisterte und Ablehner spalten. Ein "War okay!!" ist kaum denkbar.

Denn wenn man Kitano nicht folgen möchte, werden die 114 min fürchterlich langweilen und man wird das Ende herbeisehnen, taucht man aber ein in die Bunraku-Welten Kitanos, wird der Kinogenuss ein ganz erheblicher sein. Selbst wenn man nicht allem gleich folgen kann, ist die emotionale Nachwirkung des Films ganz enorm und man wird sich fortan mit seinen Bildern noch beschäftigen.

A propos: Die Bilder. Selten hat man eine derartig wunderschöne Bildgestaltung gesehen. Primärfarbenorientiert, ohne jedoch in "Ballhaus-Sperenzchen zu verfallen, lebt das Bild durch die Kulisse und nicht durch die Bewegung der Kamera. Speziell die Wanderung Matsumotos und Sawakos durch die Jahreszeiten zieht einem die Schuhe aus.

Verabschieden darf sich der geneigte Fan von: Schiessereien, Prügeleien, Gewalt, Blut, Ironie, Komik. Der Wahlspruch "Das Ende der Ironie", welches an die aktuelle Kunst angelegt wird, um das Ende der Spaßgesellschaft zu propagieren, hat offenbar auch Kitano erreicht. Eigentlich bekannt für ironische Brechungen jeglicher Art, geht es in DOLLS jedoch sehr ernst und melancholisch zu. Definitiv also kein Film für Jedermann. Menschen denen sein A SCENE AT THE SEA gefiel, sollten aber einen Blick riskieren. Es lohnt sich.

Die Schauspieler zu beurteilen fällt in diesem Fall schwer, da die Art der Darstellung hölzern, eben puppenhaft ist. Ein direktes Mitempfinden wird man nicht erleben, eher einen intellektuellen Genuss, wie bei Filmen Fellinis, Greenaways oder ähnlichen Regisseuren.

Musikalisch sorgt Jô Hisaishi für einen ordentlichen, wenn auch etwas konventionellen Synthie-Score.

DOLLS wird ab 30.10.2003 bundesweit im Kino zu sehen sein!

Mirco Hölling (16.04.2003)