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KANK - Kabhi Alvida Naa Kehna
Indien, 2006, 193 min

Regie: Karan Johar
mit Shahrukh Khan, Preity Zinta, Amitabh Bachchan, Abhishek Bachchan, Rani Mukherjee, Kiron Kher

"An ihrem Hochzeitstag begegnet die hübsche Maya dem Fußballer Dev Saran. Dieser gibt ihr einige Tipps für ihre bevorstehende Ehe. Dev selbst ist mit Rhea, einer erfolgreichen Leiterin eines Modemagazins, verheiratet. Dev und Maya trennen sich, und Maya erlebt nicht mehr mit, wie Dev vor ihrem Haus überfahren wird und danach seine Fußballerkarriere beenden musste. 4 Jahre später treffen sich Maya und Dev wieder. Dev ist ein verbitterter Mann geworden, dessen Ehe unter seinen Aggressionen leidet. Maya's Ehe mit dem reichen Eventorganisator Rishi Talwar kriselt ebenfalls. Dev und Maya lernen sich besser kennen und verbringen viel Zeit miteinander und entdecken langsam, dass sie echte Gefühle füreinander haben."(ofdb)

Das neue Überwerk von Karab Johar, der neue Superbolly mit Starbesetzung. Alle haben den neuen KUCH KUCH HOTA HAI oder KHABHI KUSHI KHABI GHAM erwartet und dementsprechend gehen die Meinungen zu Johars neuestem Werk deutlich auseinander. Meisterwerk und Schund wird propagiert, dazwischen gibt es zumeist gar nichts. Johar, im Rahmen des Filmfestes Hamburg zu Besuch in der Hansestadt (Bilder rechts unten), gab sich optimistisch, dass der Boom Bollywoods im Westen anhalten würde. Nicht zuletzt tun er und seine Kollegen ja auch alles dafür, indem sie die neuen Großproduktionen immer weiter von Indien entfernen und sowohl inhaltlich als auch schlicht von den Spielorten her immer mehr an den Westen angleichen.

So muss auch KANK gesehen werden. Angesiedelt in Washington D.C. spielt er in einer Kolonie aus NRIs, wobei in diesem Film die urprüngliche Heimat - Indien - überhaupt keine Rolle mehr spielt. Keine Heimatgefühle, keine überbordender Patriotismus, keine Indien-Songs. Für den einen ob der ewigen Repititation eine Wohltat, für den anderen eine bedrohliche Entwicklung, denn wieviel Assimilierung durch das westliche Kino verträgt Bollywood, bevor die eigene Bevölkerung sich lieber dem Original - Hollywood - zuwendet und sich die westlichen Zuschauerschichten ob des mangelnden Exotismus gelangweilt abwenden?

All diese Fragen stellen sich bei der Sichtung von KANK, zumal der Inszenierungsstil fast schon videocliphaft rasant und die Bildgestaltung westlich monochrom ist. Farbrausch und Henna sieht man nur vereinzelt. Kapuzenpulli und Smoking ist eher en vogue. Klingt alles ziemlich kritisch, nicht wahr?

Trotz aller grundlegenden Kritik an der auch durch KANK weitergetriebenen Tötung Bollywods, ist es ein ganz wunderbarer Film, der inhaltlich wie formal zu unterhalten und zu rühren weiß. Sehr modern ist sicherlich das Thema des doppelten Ehebruchs, ebenso die Vaterrolle Amitabh Bachchans, der einen alten Lebemann und Ladykiller spielt (wobei sexuell Anzügliches in diesem Film nicht nur angedeutet, sondern offen ausgesprochen wird), ebenfalls modern ist die Rolle Preity Zintas als erfolgreiche Karrierefrau, die Familie und Kind vernachlässigt. In dieser Melange aus Konflikten bietet KANK bis zur Intermission eine fast atemlose Performance. Screwball und Klamauk halten sich die Waage und es wird eine beeindruckendes Timing geboten. So kommt man aus dem Lachen kaum heraus und sinkt zur Intermission erschöpft in den Kinosessel zurück. Johar spielt in dieser Phase des Films äußerst geschickt mit dem Erwartungshorizont des Zuschauers. Einige der Gags würden in einer Hollywoodproduktion nur ein müdes Lächeln oder gar Langeweile erzeugen, sich aber der Konventionen der indischen Gesellschaft bewusst, lässt sich der Zuschauer (auch der westliche) gerne mitreißen und sieht Rani Mukherjee im engen Leder-/Latex-Outfit genauso als unfaßbare Sensation an, wie die Zuschauer in Bombay oder Kalkutta. Hinzu kommt ein gutes Timing und eine Gagabfolge, die man selten erleben darf. Zur Intermission ist man also durchaus zufrieden und wartet nun endlich auf das Drama, welches bislang überhaupt keine Rolle spielte. Komödien-hasser dürfen getrost die ersten zwei Stunden die Vorspultaste bedienen.

Zur zweiten Runde wird der Ton nun auch deutlich ernsthafter. Komödienelemente werden fast vollständig zurückgefahren und der melodramatische Teil, der Ehebruch und seine Folgen, übernimmt das Zepter. Dem Drehbuch von KANK muss man zugute halten, dass es nicht sonderlich vorhersehbar ist. Bei den meisten Bollies ist nach einer gewissen Zeit klar, worauf der Film hinausläuft, die Frage ist dann nicht mehr das "ob", sondern nur das "wie". Bei KANK wiederum ist bis ca. eine Stunde vor Schluß (also nach drei (!) Stunden Spielzeit) immer noch nicht hundertprozentig klar, wo die Reise hingeht. Das hält den Zuschauer trotz der (zu) langen Spielzeit bei der Stange, da das Buch eben nicht von derselben ist. Ebenso sind die Leitungen der Darsteller zu nennen, die speziell im zweiten Teil absolut auf der Habsenseite zu nennen sind. Shahrukh Khan in einer seiner besseren Leistungen, Abishek Bachchan und Preity Zinta ganz hervorragend und Rani Mukherjee - wie meist - somnambul schön, aber etwas statisch, geben das Drama glaubwürdig und präsent. Abgerundet durch einen Amitabh Bachchan in Spiellaune, der für die nötige ironische Distanz sorgt und mit seinem Image spielt, wie es nur die ganz großen Schauspieler vermögen.

Eher enttäuschend fallen jedoch die Song&Dancenummer aus. Schmissig zwar und teilweise (zu?) poppig, fällt auf, dass Khan nicht eine einzige Tanznummer hat, sondern nur singt und dass die optische Gestaltung der Szenerien, bis auf zwei Ausnahmen, zurückhaltend ausfällt. Kaum Farbspielereien, wenig Opulenz. Zurückhaltend im Tonfal und vieles im großstädtischen grau gehalten. Zwar sind die beiden anders verlaufenden Tanznummern ganz großartig, die Fallhöhe zum Rest ist jedoch bemerkenswert hoch. So verhält es sich auch mit den Songs: Das Titelstück ist hübsch und verfügt über Wiedererkennungswert, den sofortigen Ohrwurmcharakter wie noch KUCH KUCK HOTA HAI oder KHABI GHUSHI KHABHI GHAM innehatten, sucht man hier jedoch vergebens. Die anderen Songs im Film sind dann eher als "nett" zu bezeichnen.

Es bleibt ein Film, den man in zwei Teilen rezensieren muss. Eine tolle Komödie im ersten Teil, welche wirklich zum Lachen bringt und ein rührendes Melodram in Teil zwei, welches überrascht und darstellerisch absolut überzeugt. Dem einen oder anderen Bollyfan, war es hier noch nicht genug Tränendrüse, dem Verfasser dieser Zeilen hat es abslout genügt. Trennen muss man sich leider vom Gedanken an üppige Song&Dancenummern.

Somit muss man Johar attestieren, über KUCH KUCH HOTA HAI nie weider hinausgekommen zu sein, den auch K3G wies einige Probleme (in diesem Fall dramaturgischer Natur) auf, wo KANK eher formale Schwächen hat. Wenn Johar demnächst die Optik und Opulenz von K3G mit der dramaturgischen Brillianz von KANK verbinden würde, dann hätte man wohl das, was man von Johar jedesmal einfordert: Den Über-Bolly.

Rapid Eye Movies jagt den Film (als Kabhi alvida naa kehna - Never say Goodbye) derzeit durch Deutschlands Kinos und die DVD-Auswertung (als Kabhi alvida naa kehna - Bis dass das Glück uns scheidet) ist dann wohl nur noch eine Frage der Zeit.

Mirco Hölling (02.11.2006)