"Mit sechs Jahren hat der alte Mann das kleine Mädchen bei sich auf dem großen Fischerboot aufgenommen. Jetzt ist sie 16. Mit 17 will er sie heiraten, denn er liebt sie und will sie ganz besitzen. Doch Sie verliebt sich in einen jungen Studenten, der zum Fischen aufs Boot kommt. Die Eifersucht des alten Mannes kennt keine Grenzen..."(arte.tv)
Die Abfolge mit der Kim Ki-Duk meisterliche Filme vorlegte, war ja kaum noch zu glauben. Pro Jahr lieferte er mindestens einen Film ab, dessen Qualität selten unterhalb der Schwelle "sehr gut" bis "überragend" angesiedelt war. Seit SAMARIA schlichen sich ein paar Schlampigkeiten in sein Werk, die mit BIN-JIP (3-Iron, Leere Häuser) wie weggeblasen schienen. Nun folgt in wieder mal rekordverdächtiger Zeit sein neuestes Werk HWAL – THE BOW (Hwal- Der Bogen).
Leider schließt HWAL nicht nahtlos an das bisherige Werk an. Der Film ist - nicht untypisch für Kim Ki-Duk - symbolüberfrachtet, grenzt in diesem Fall jedoch zu häufig an kunstgewerbliche Klischees. Es scheint, dass Kim zu sehr auf sein westliches Publikum schielt, ein Effekt, der zuletzt häufig im ostasiatischen Kino zu spüren war (SEVEN SWORDS von Tsui Hark, WU JI – THE PROMISE von Chen Kaige, SYMPATHY FOR LADY VENGEANCE von Chan-Wook Park). In dem Willen, das bislang erreichte Publikum noch besser zu befriedigen, wird ein Teil der nationalen und persönlichen Identität den vermeintlichen Sehgewohnheiten geopfert. HWAL wirkt denn auch wie ein wenig inspiriertes Best-Of der bisherigen Kim Ki-Duk-Filme. Wieder dreht sich alles um die komplizierte Beziehung zwischen Mann und Frau im Spannungsverhältnis von Macht, Abhängigkeit, Einfluss, Gewalt und Erotik. Wieder einmal spielt sich die Handlung auf einem inselähnlichem Ort ab, dieses mal auf einem alten Fischerkahn, auf dem der alte Mann Angler zum Lebensunterhalt beherbergt. Wieder einmal wird kaum bis gar nicht gesprochen und wieder einmal sind die Bilder hypnotisch und farbig expressiv.
Mit Sicherheit keine schlechten Voraussetzungen, aber seltsam leblos und ärgerlich. Man meint Kim Ki-Duk "light" erleben (oder erleiden?) zu müssen, denn trotz guter Darsteller, einem skurrilen Setting, kleiner Gewalteinsprengsel und einer engelsgleichen Hauptdarstellerin (Yeo-reum Han aus SAMARIA) wirkt alles wie kunstgewerblicher Kitsch. Der ostasiatisch begeisterte Bildungsbürger wird sich anlässlich seiner bestätigten Klischees des metaphysischen Asiens zwar wohlig im Kinosessel räkeln und aufgeregt an seinem trocken Rotwein nippen, der Kim Ki-Duk-Kenner wendet sich jedoch enttäuscht ab. Zuviel Repititation, zuviel Gefälliges, zuviel Kitsch, zuviel billige Symbolik (weiße Kleider mit Blutfleck im Schritt, die das Ende der Kindheit symbolisieren und haufenweise Seidentücher, die dramatisch im Meer versinken). Dazu verwendet Kim eine gar grässliche World-Musik, die angesichts der Doppelfunktion des titelgebenden Bogens (dieser wird auch als Streichinstrument verwendet) von zentraler Bedeutung ist. Die Musik wirkt, wie ein billiger Sampler aus dem Teeladen im Univiertel, zudem das gefakete Spiel der Akteure auf dem Instrument sich nicht ansatzweise mit dem Soundtrack deckt. Der Filmdienst schrieb, HWAL wirke wie eine Schaffenspause, ein Atemholen vor dem nächsten Meisterwerk. Dieser Einschätzung kann man sich sehr wohl anschließen.
HWAL ist beileibe kein schlechter Film. Menschen, die zum ersten Mal mit Kim Ki-Duk - weiterhin einer der spannensten Regisseure weltweit - in Berührung kommen, dürften durchaus angetan sein, allen anderen kann der Film allenfalls die Wartezeit auf Kims nächstes Meisterwerk verkürzen.
Rapid Eye Movies bringt den Film ab 20.07.2006 in die deutschen Kinos. Eine DVD-Auswertung wird mit Sicherheit folgen.
Mirco Hölling (22.07.2006)