"RANG DE BASANTI erzählt die Geschichte von fünf bzw. acht jungen Leuten im Delhi von heute. Sie sind Studenten bzw. Fast-Studenten (Kunal Kapoor, Siddharth, Sharman Joshi), Pilot der indische Luftwaffe (R. Madhavan), Moderator im Nachtprogramm von All-India Radio, Aktivist einer extremistischen Partei (Atul Kulkarni) oder Lebenskünstler (Aamir Khan). Ihr Leben und ihre Zukunft wird herausgefordert, als sie an dem Filmprojekt der jungen Engländerin Sue (Alice Patten) teilnehmen und als Schauspieler der Gruppe der politischen Aktivisten um Bhagat Singh und Chandrashekhar Azad der 20er Jahre agieren. Im Laufe des Projekts wird ihr Leben in zunehmenden Maße eins mit dem der Gruppe um Bhagat Singh. Sie entschliessen sich, genau wie Bhagat Singh, nicht länger zu warten sondern zu handeln." (moviereporter)
Moral, Werte und Zivilcourage sind erstaunlich häufig Thema des kommerziellen Hindikinos. Fragen nach Tradition, Familie, modernem Leben aber auch nach dem Individuum in der indischen Gesellschaft. Nicht selten beantworten die Filme diese Frage mit einem etwas ermüdendem "alle müssen aufeinander zugehen" und einem Appell auf Individualitätsverzicht zugunsten von Gesellschaft und Staat. In einem Land, welches ob seiner zahlreichen Konflikte zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten, Religionen, Sprachen und Herkünfte, kaum Patriotismus und Glauben in den Staat kennt, vielleicht eine natürliche Situation. Und selbst uns westlichen Zuschauern gefällt diese naiv-capraeske Sichtweise häufig, weil sie sich von Realitätszwängen lossagt und sich auf Grundbegriffe des Lebens zurückzieht. Zwar wird die moralinversäuerte Sichtweise als hemmungsloser Kitsch verstanden und doch sehnt sich offenbar auch unsere moderne Gesellschaft nach einfachen Antworten und ist durch die zynische Abkassiermentalität des Hollywoodkinos gelangweilt und entdeckt immer mehr die exotischen Klänge und schmalztriefenden Stories aus Bollywood.
Auch bei RANG DE BASANTI -Die Farbe Safran scheint alles in diese Richtung zu laufen. Die junge Engländerin, die eine Gruppe zynisch-hedonistischer Jugendlicher, die sich nur für sich selber interessieren, an die Tradition des eigenen Landes heranführt. Langsam entdecken die Jugendlichen ihre Wurzeln, überwinden Grenzen innerhalb ihrer Gruppe und beginnen sich für Staat und Gesellschaft zu interessieren. Blablablabla. Schon wieder. Tausendmal gesehen. Und dann passiert es....
RANG DE BASANTI wechselt zu einer Predigt für zivilen Ungehorsam, gar Terrorismus und - jetzt kommt es - Präsidentenmord!!! Zwar ist es in diesem Fall nur der Verteidigungsminister, aber dessen Ermordung wird als wirklich gangbare Lösung eines Konfliktes nicht nur in Erwägung gezogen. Lange hat man keine derartig wütenden Film gesehen. Selbst der US-Film FIGHT CLUB von David Fincher - thematisch verwandt - ist dagegen eher ironisierend und durchgestylt. Der rd. 40jährige Regisseur von RANG DE BASANTI will etwas mitteilen und nutzt das Medium des kommerziellen Hindifilms zu einer heftigen Anklage des korrupten Staates und einem Appell an die Gesellschaft, sich einzumischen, das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen.
So erstaunlich das Anliegen, so diskutabel ist der Film rein formal. Die Inszenierung ist dann doch sehr gefällig, die Darsteller zwar durch die Bank gut (allen voran der sehr mopsig gewordene Amir Kahn, bekannt aus LAGAAN), aber doch sehr stereotyp, das Drehbuch ist jenseits der inhaltlichen Kapriolen eher konventionell und die Bildgestaltung hübsch, aber doch in der Tradition des klassischen Masala-Movies. Klassiche Song&Dance-Nummern gibt es zwar keine, lediglich videoclipartige, nicht von den Darstellern gesungene, Songs aus dem Off, zu denen Impressionen der Gruppe Jugendlicher gezeigt werden.
Fans des romantischen Hindi-Films dürften maßlos enttäuscht sein, allen anderen sei jedoch ein Blick empfohlen, weil man sehen muss, um es zu glauben. RANG DE BASANTI ist wohl einer der ungewöhnlichsten Bollys der letzten Jahre, aber mit Sicherheit nicht einer besten.
REM wird den Film ab dem 29.Juni 2006 in die deutschen Kinos bringen und später auch eine DVD-Edition folgen lassen.
Mirco Hölling (22.05.2006)