„Manoj und Neerja kennen sich seit Kindertagen. Doch weil die Mutter von Neerja einen besser betuchten Mann fand, durften die beiden Liebenden nicht heiraten. Jahre nach Neerjas Hochzeit besucht Manoj, gerade arbeitslos geworden, seine Jugendliebe in deren Wohnung in Kalkutta. Er verbringt einen verregneten Nachmittag bei ihr und gibt vor, ein reicher TV-Produzent zu sein, während sie versucht, die Fassade der reich verheirateten Frau aufrecht zu erhalten, obwohl sie seit Monaten nicht mehr die Miete zahlen kann.“ (Videowoche)
Das kommerzielle Hindi-Kino entwickelt sich durch das verstärkte westliche Interesse immer weiter weg von seinen eigenen Ursprüngen. Das klassische Masala-Movie wird immer häufiger zugunsten einer westlich beeinflussten Filmstruktur unterlaufen. Das kann in einigen Fällen funktionieren, untergräbt andererseits jedoch das Erfolgskonzept, welches Bollywood überhaupt erst für ein nichtindisches Publikum interessant gemacht hat. Zuletzt gab es Filme wie BLACK, die gar komplett auf Song&Dancenummern verzichteten und sich mehr am westlichen Arthaus-Kino orientierten. Ein gefährlicher Weg, denn Bollywood-Filme sind häufig zu kitschig, um jenseits des exotisch-kitschigen Bollywoodkosmos im Westen eine Chance zu haben. Und wie das einheimische Publikum auf diese neue Richtung reagiert, bleibt abzuwarten.
In diesen Kontext passt auch RAINCOAT. Und der Film macht in diesem Spannungsverhältnis einfach alles richtig. Der Film verzichtet nicht nur auf Song&Dancenummern sondern sogar weitestgehend auf einen musikalischen Soundtrack. Da graust es den Bolly-Fan: "Das kann ja nichts werden!", denkt man. Und doch ist der Film ein perfekter Kompromiss aus westlichem Independent-kino und Bollywood-Elementen. Ein Kammerspiel, welches dem Konzept des indischen Kinos ja nun komplett konträr gegenübersteht, wird geboten. Überwiegend sieht man zwei Menschen in einem Raum, die sich unterhalten. Was der bengalische Regisseur Rituparno Gosh (CHOKHER BALI) hier jedoch auf die Beine gestellt hat, ist dramatisches Kino at it's best.
In den Hauptrollen brillieren Aishwarya Rai und Ajay Devgan, als Mittdreißiger und Jugendpaar, die sich nach Jahren wiedersehen. Beide versuchen ihre gescheiterten Lebenskonzepte vor dem anderen zu verheimlichen und selbst ihre offenbar immer noch aufkeimende Liebe füreinander wird dem anderen vorenthalten. Als der Film nach ca. der Hälfte der Spielzeit eine wirklich unerwartete Wendung nimmt, wird das Konzept des höchstintelligenten Drehbuchs zum Höhepunkt geführt. Der Film bietet dem indischen Zuschauer auch Hoffnung für sich selber, denn es sind nicht die üblich-überhöhten Helden des Bollywood-Films, die mit der Lebensrealität nichts mehr zu tun haben. Hier sind zwei ganz normale Menschen, die noch nicht mal berauschend aussehen. Und doch war die perfekte Schönheit und Ex-Miss-World Aishwarya Rai in keinem Film so schön wie hier. Man sieht eine Frau, die von innen strahlt und der ihr sonst so perfektes Äußeres nicht - wie durchaus öfter - im Wege steht. Beide Darsteller bieten zudem eine formidable und glaubhafte Leistung und bewirken echte Empathie. Auch die wenigen Nebenrollen sind fantastische besetzt und die Figuren sehr glaubwürdig gestaltet. Besonders zu erwähnen ist das Timing von Buch und Regie, die es immer wieder schaffen, mit leiden zu lassen, aber auch einige Überraschungen parat haben, welche nicht verpuffen sondern dramaturgischen Sinn ergeben.
Letztlich ein Film der zweiten Chance. Ein erwachsener Film, der auch Bollywood-Puristen gefallen dürfte, denn der Grundton ist romantisch, wenn auch die kitschige Verklärung ausbleibt.
Ein interessanter und wunderschöner Film, der Kritiker an der Metamorphose des indischen Kinos erst einmal verstummen lassen dürfte. Die Frage, wohin sich Bollywood entwickeln wird, sei trotzdem gestattet. Die eigenen Wurzeln zu vergessen, dürfte vermutlich nicht der richtige Weg sein. Wenn schon Veränderungen sein müssen, dann bitte wie bei RAINCOAT.
REM bringt den Film dankbarerweise auf DVD heraus. Die Extras (Trailer) sind spärlich, jedoch spricht der Film für sich. Geboten wird der Originalton (mit dt. Untertiteln) und auch eine ordentliche deutsche Synchronisation. Die Bildqualität ist so gut sie eben geht. Gewisse Unschärfen sind festzustellen. Leider ist auch der Ton nicht optimal, sollte einen aber nicht am Erwerb hindern. Häufig sind die aus Asien gelieferten Master nicht sonderlich gut und verglichen mit dem, was andere Anbieter auf den deutschen Bollywood-Markt schmeißen, ist diese DVD Champions League.
Mirco Hölling (22.05.2006)