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Chalte Chalte
Indien, 2003, 167 min

Regie: Aziz Mirza
mit Shahrukh Khan, Satish Shah, Rani Mukherjee, Jas Arora

"Raj (Shahrukh Khan) betreibt eine kleine Speditionsfirma und ist ein charmanter Draufgänger. Priya (Rani Mukherjee) ist eine elegante Modedesignerin, die in Griechenland lebt. Die zwei ungleichen Menschen treffen sich bei einem Unfall - und finden sich nach einem Streit eigentlich ganz sympathisch. Raj hat sich sogar doll verliebt. Als sie ihm erklärt, sie werde in Griechenland ihren Kindheitsfreund Sameer (Jas Arora) heiraten, reist Raj ihr nach. Auf dem Weg nach Athen wird auch Priya klar, dass sie Raj liebt. Sie bittet ihre Familie, die Heirat abzusagen und einer Ehe mit Raj zuzustimmen. Das tun sie, es wird geheiratet. Doch in der Bilderbuch-Ehe ziehen bald schwarze Wolken auf." (molodezhnaja.ch)

Shahrukh Khan und Rani Mukherjee, der Superstar und die "Kleine", wie er sie in Interviews bezeichnete. Danach wurde aus der Kleinen eine Große. Spätestens dieser Film war ihr Durchbruch auch als Hauptrolle in großen Filmen. Das rauhe Timbre ihrer Stimme und ihre geheimnisvollen Augen trösten immer wieder auch über manch schauspielerische Holprigkeit hinweg.

Der Film beginnt so, wie sie alle beginnen. Zwei Menschen lernen sich kennen. Sie, souverän, reich, elegant und schön. Er, arm, charmant, etwas tolpatschig und dann sein Dackelblick. Es folgt eine Reise nach Europa (diesmal nach Griechenland, wohl eine Reminiszenz an die Griechen, die Bollys schon lange zu schätzen wussten). Man erlebt kleine Abenteuer, tausend magic moments, die sich später in Rückblenden gut machen, kommt sich näher und Shahrukh bringt sie selbstlos zum Haus ihrer Familie, wo eine arrangierte Verlobung auf sie wartet. Alles erinnert an einen der Klassiker des modernen Hindi-Films, DILWALE DULHANIA LE JAYENGE, der Khan und Kajol zum Traumpaar Bollywoods erkor. Bis zur Intermission entspinnt sich einen Story, die für sich eigentlich schon ein Bollywood-Drehbuch sein könnte. Die Liebenden haben sich gefunden und heiraten. Und dann....kommt der zweite Teil, das "danach".

Nun zeigt der Film den Ehealltag. Den SCENER UR ETT ÄKTENSKAP (Szenen einer Ehe) Indiens. Es tun sich Probleme auf. Alltägliches, wie nicht weggeräumte Wäsche, aber auch Geldsorgen und das Problem, aus unterschiedlichen Schichten zu stammen. Sie, aus reichem Hause, er, der stolze kleinen Selbständige, der ein bankrottes Transportunternhemen führt. Er will sich nicht helfen lassen und hasst das Gefühl, von ihrer Familie nur geduldet zu sein. Sie will helfen und organisiert hinter seinem Rücken Geld für sein Unternehmen...und das ausgerechnet von ihrem Fastverlobten und Jugendfreund (Jas Arora), der natürlich hervorragend aussieht und nur helfen will. So kommt es zur Katastrophe, in der Khan tatsächlich auch schauspielerisch eine sehr ordentliche Leistung abliefert und sich nicht nur auf seine unglaubliche Ausstrahlung verlässt. Der Bruch in der Ehe ist da und scheint nicht mehr zu kitten.

Natürlich bleibt alles auf Bolly-Niveau und die Analyse der gescheiterten Beziehung passiert auf einer durchaus oberflächlichen Ebene, für indische Verhältnisse ist die Behandlung des Themas jedoch absolut sensationell. Das Patriarchalische wird deutlich in Frage gestellt und es werden Probleme aufgezeigt, die eben Teil einer modernen Beziehung sind. Immer wen man glaubt, dass Happy-End wird kommen, führt der Film noch weiter in die Katastrophe, zeigt aber auch auf, dass sich beide durchaus bemühen. So gibt es Aufs und Abs, Annäherungen und dann doch wieder Nachlässigkeiten und Missverständnisse, die eben passieren. Sehr schön, wie der Film diese Phase glaubhaft und behutsam erzählt. Überhaupt, wechselt der Film in Hälfte zwei von dem üblichen Bollysetzkasten in Erzählkino, ohne seine Wurzeln zu verraten. So erfolgt diese Erzählung durchaus mit einem gewissen Humor und gaaaaaaanz viel Herz/Schmerz, ist aber beeindruckend und gar nicht sooooo kitschig.

Angenehm ist hierbei das Setting, welches eher normal und alltäglich daherkommt. Keine Tanzszenen in den Alpen, sondern die Straße nebenan. Das ganz normale Leben eben. Beeindruckend ist hierbei der Titelsong. Kurz nach der endgültigen Trennung angelegt, singen nicht die Darsteller, der Gesang erscheint aus dem Off und begleitet ein paar Szenen der beiden Getrennten, die versuchen, ihre Trennung zu verarbeiten. Mit Sicherheit der Höhepunkt des Films.

Shahrukh Khan und Rani Mukherjee sind in der zweiten Hälfte wirklich gut und geben ihre Figuren äußerst plastisch und bewegend. Auch Regie und Bildgestaltung geben sich angenehm zurückhaltend, fast kammerspielartig. Man meint einem Theaterstück beizuwohnen. Wie der Film die Balance zwischen anspruchsvollem Drehbuch und Erwartungshaltung der Zuschauer schafft, ist großartig. Kitsch und Story halten sich in dieser Phase angenehm die Waage.

CHALTE CHALTE ist ein Film, der in der ersten Hälfte sehr konventionell daherkommt und alle Klischees auf hohem Niveau bedient. Üppige Settings, schöne Songs und tolle Tanznummern. All dies, nur um dann in Hälfte zwei eine interessante Wendung einzunehmen, die wirklich bewegt.

Der Film, für Fans ein Muss und für Einsteiger durchaus lohnenswert, ist bei REM auf einer üppig ausgestatteten DVD erschienen, auf der dankenswerterweise auch der Originalton angewählt werden kann. Als CHALTE CHALTE - WOHIN DAS SCHICKSAL UNS FÜHRT lief der Film auch bereits - gekürzt - im Free-TV und wird dort vermutlich auch noch einige Auswertungen erfahren.

Mirco Hölling (15.02.2006)