Soviel wurde über diesen Film geredet, so viele Vorschusslorbeeren vergeben, so viele knallharte Ablehnung geäußert, so viele Kinosäle in fanatische Anhänger und teilweise schon fast militante Ablehner des Films geteilt, dass es Zeit wird, sich auch an dieser Stelle mit diesem Phänomen auseinanderzusetzen.
AUDITION erzählt äußerst langsam eine herrlich schöne Liebesgeschichte. Der Medienkaufmann Shigeharu Aoyama sucht 7 Jahre nach dem Tod seiner Frau eine neue Gattin, weil sein Teenagersohn und etliche Freunde und Kollegen ihn sachte dorthin bewegen. Im Flirten aus der Übung gekommen, meint eine Kollege und Freund, er könne doch bei einer Audition beiwohnen, bei der junge Frauen für eine Rolle vorsprechen. So habe er die Möglichkeit, ohne großes Risiko sich die beste herauszupicken. Schon bei der Sichtung der Bewerberinnenunterlagen sticht ihm die junge Asami ins Auge und zieht ihn fortan geradezu magisch an. Asami, eine elfenhaft grazile junge Frau, hat bei der Audition für die Rolle zwar keine Chance, willigt aber einem gemeinsamen Date mit Shigeharu ein.
Von nun an entwickelt sich eine wunderschöne Liebesgeschichte, die sich ausgesprochen viel Zeit lässt. Vereinzelt gibt es zwar schon Anzeichen, dass mit Asami etwas nicht stimmt (vornehmlich in Person seines Freundes, der ihr nicht über den Weg traut), aber erst nach ca. 60 Minuten beginnt sich die Erzählweise des Films plötzlich komplett zu verändern, bis sich zum Schluss das absolute Grauen auftut. Auch, wenn dieser Begriff ("absolutes Grauen") etwas ausgelutscht scheint, so ist er selten in einem Kunstwerk dermaßen zutreffend, wie in diesem verstörenden Meisterwerk
AUDITION polarisiert, verstört, stiftet Streit und das alles gewollt. Nach einer Aussage des Regiegenies Takashi Miike ist dieser erst dann zufrieden, wenn die eine Hälfte des Publikums schreiend und kotzend den Saal verlässt, die andere Hälfte mit Tränen der Begeisterung applaudiert. Operation gelungen, wie bei kaum einem anderen Film der letzten 20 Jahre!!
Eine Warnung vorweg: Wer mit seinem Magen nicht gut zu Fuß ist bzw. eine sehr empathische Seele hat, sollte diesen Film unbedingt meiden. Mir sind nicht wenige Leute bekannt, die nach dem Konsum dieses Films nahezu unter Schock standen und noch einige Nächte unter Alpträumen litten.
Weshalb ist AUDITION so verstörend? Weil Miike wie selten im Horrorgenre eine geniale und sehr realitätsnahe Charakterzeichnung vollführt und den Figuren Zeit lässt, sich zu entwickeln. Denn: die ersten 60 Minuten sind äußerst langsam erzählt. Es passiert nahezu GAR nichts. So manch ein Splatterproll, der aufgrund des vorauseilenden Rufs des Films das örtliche Kino besucht, dürfte während dieser Zeit nahezu komplett in komatösen Schlaf fallen, um dann gegen Ende wieder zu erwachen und danach "von 'nem voll geilen Film" zu sprechen. "Hätte man aber kürzer machen können!! Naja, zu Hause kann man ja Gott sei Dank vorspulen!" (bin mehrfach selber Zeuge solcher Szenen gewesen). Solche Idioten bringen sich selber um den (sicher zweifelhaften) Genuss, den kompletten Grad der Verstörtheit zu erleben (erleiden?).
Was ist negativ an diesem Film? Nichts. Er ist perfekt! Inszenierung, Bild, Ton, Soundtrack, Buch und nicht zuletzt die großartigen Schauspieler stellen sich alle in den Dienst der Sache. Nichts ist unüberlegt, alles ergibt 100%ig Sinn.
Mit der anfangs schönen, melancholischen teilweise sogar humorigen Inszenierung (bei der Audition) wird der Zuschauer in Sicherheit gewogen, die Identifikation mit dem überaus sympathischen Protagonisten (Ryo Ishibashi) zur Perfektion geführt, um ihn dann (den Zuschauer, nicht den Protagonisten. Obwohl.....) förmlich in der Luft zu zerfetzen.
Selbst bei mehrmaligen Konsum funktioniert dieser Kunstgriff, was bei derartigen Drehbüchern ja eher selten ist. Ist der Clou erst aufgelöst, lohnt das nochmalige Sichten des Filmes nicht mehr (z.B. der maßlos überschätzte SIXTH SENSE, der übrigens nicht sonderlich neu war, da ihm ähnliche - und allesamt bessere - Filme mit vergleichbaren Plottwists um z.T. 20 Jahre voraus waren). Bei AUDITION dagegen hat man auch beim wiederholten Male während der ersten 60 Minuten förmlich Angst (ich hatte beim zweiten Mal schweißnasse Hände) vorm Finale. Bemerkenswert!
Gerne wird das Finale mit David Lynch verglichen, was aber nicht ganz hinhaut, denn dieser hat bis dato eigentlich nur Filme gemacht, die von Anfang an verstörende Hinweise auf den surrealen Charakter streuten (Ausnahme natürlich STRAIGHT STORY und ansatzweise MULHOLLAND DRIVE, der aber seinerzeit noch nicht veröffentlicht war). AUDITION dagegen legt Wert auf einen ausgeprägten Realismus. Die Wirkung ist also eine komplett andere und daher nicht vergleichbar.
Was ist nun dieser Regisseur, Takashi Miike, für ein Typ?
Was bewegt ihn solche Filme zu machen? Letztlich ist er nicht fassbar. Er dreht ca. 8 Filme pro Jahr, wobei er alle Genres und Formate bedient (TV-Filme und Serien und Kinofilme, über Pornos ist mir nichts bekannt, würde jedoch nicht überraschen). Miike selber empfindet sich als Handwerker und Auftragsregisseur, nicht aber als Künstler. Warum versieht er dann nahezu alle seine ihm angedienten Drehbücher mit dem "Miike-Touch"? Irgendwas Surreales oder gar Durchgeknalltes baut er fast immer ein. Will er das Publikum verarschen? Einige seiner Ideen wirken, als sei der Mann auf einem brandgefährlichen Drogencocktail.
Dabei gleicht jedoch kaum ein Film dem nächsten. Stilistisch beherrscht er alle Register, lässt jedoch bei einigen seiner Produktionen z.T. die nötige Sorgfalt vermissen (Kunststück: bei dem Output). Ein Miike-Film ist also nicht zwangsläufig ein Meisterwerk, hat zumindest aber fast immer einzelne genialische Züge.
AUDITION dagegen ist in seiner Gesamtheit ein Meisterwerk, ein Geniestreich. Meines Erachtens wird er in ähnlicher Form in die Geschichte eingehen, wie AI NO CORRIDA (IM REICH DER SINNE, Nagisa Oshima) und SALO (DIE 120 TAGE VON SODOM , Pier Paolo Pasolini) es in den 70er Jahren getan haben. Auch deren Ruf ist bis heute zweifelhaft und die Schockwirkung trotz zwischenzeitlich völliger Neuordnung der moralischen Werte nach wie vor ungebrochen.
Dankenswerterweise hat Rapid Eye Movies diesen Film sowohl im Kino als auch auf DVD herausgebracht. Aufgrund des eklatanten Preisunterschiedes empfehle ich die ca. 15 Euro teure HK-DVD mit engl. Untertiteln (dt. DVD ca. 25 Euro/ deutsche und engl. UT). Auf beiden DVDs sind zusätzlich ein Trailer (übrigens unterschiedliche) enthalten. Beide Datenträger weisen eine 2.0-Abmischung auf, wobei bislang die REM-DVD-Tonspuren nicht sonderlich berühmt waren, mir in diesem Falle aber nicht bekannt sind.
(Mirco Hölling, 02.04.2002)
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