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Blood Brothers, The
Hong Kong, 1972, 118 min

Regie: Chang Cheh
mit David Chiang, Ti Lung, Chen Kuan Tai, Ching Li

"China während der letzten Jahre der Ching Dynastie. Korruption und Rebellion prägen diese Zeit. Die Brüder Chang und Hung, zwei exzellente Kämpfer, Freunden sich mit Ma an, einem Regierungsbeamten, mit dem Sie Blutsbrüderschaft schließen, nachdem ein Versuch, ihn zu berauben, misslingt. Unter seiner Führung gründen Sie eine Privatarmee. Das Auftauchen von Hungs Frau führt zu ersten Spannungen, als sich Ma in sie verliebt. Jahre später - Ma, den man den "gelben Drachen" nennt, ist inzwischen ein hochrangiger, karrieresüchtiger Offizier bei der Kaiserlichen Armee – führt sie der Kampf gegen Revolutionäre wieder zusammen. Als Hung von Ma´s Männern getötet wird, schwört Chang trotz ihrer Blutsbrüderschaft Rache und plant ein Attentat auf Ma." (Das Eastern Lexikon)

Der bedeutenste Regisseur, den das Shaw Brothers Studio hervorgebracht hat, ist mit Sicherheit der mittlerweile leider verstorbene Chang Cheh. Kaum ein anderer Regisseur aus den berühmten Hongkonger Studios hat mit seinen harten und männerdominierten Filmen das Martial-Arts Genre in den 1960iger und 1970iger Jahren so geprägt wie er. Neben ihm konnte sich noch Chu Yuan etablieren, der sich eher durch romantische Genrefilme auszeichnete. Zusammen waren Sie aber sicherlich die Speerspitze der Shaw Brothers Studios.

Mit THE BLOOD BROTHERS (Die Blutsbrüder des gelben Drachen) ist Chang Cheh vor allem ein episches Meisterwerk gelungen. Und der Film stellt überdies eines der ungewöhnlichsten Werke in seiner über 40jährigen Karriere dar. Inhaltlich werden all die Aspekte, die einen Chang Cheh ausmachen, per Excellenze geboten: Begriffe wie Freundschaft, Brüderlichkeit und Loyalität. Aber auch um Liebe und Hass und natürlich auch um Gewalt und Leidenschaft. Mit THE BLOOD BROTHERS erzählt Cheh vor allem ein Drama, was für einen Martial-Arts-Film schon recht ungewöhnlich ist. So sind natürlich auch fantastische und hervorragend inszenierte Kampfssequenzen zu bestaunen, die aber nicht so zahlreich vorhanden sind, wie in seinen anderen Werken. Wenn Kampfszenen zu sehen sind, verbreiten Sie zwar auch hier ihre emotionale Wucht, das dramaturgische Gewicht aber liegt hier vor allem auf den Blutsbrüdern, die von David Chiang als Chang Wen Hsiang, Chen Kuan-Lai als Huang Chung und Ti Lung als Ma Hsin I toll gespielt werden.

Das Drama entwickelt sich zwischen diesen Personen und der einzigen weiblichen Figur in diesem Film. Denn Ma verliebt sich in die Frau von Huang, die von Ching Li dargestellt wird. Und dieser Liebesgeschichte zwischen Ma und Madame Huang räumt der Film sehr viel Platz ein, die somit auch den eigentlichen Konflikt des Filmes darstellt. Eine Liebesgeschichte in der männerdominierten Welt von Chang Cheh: ein absolutes Novum! Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen hat der Film tatsächlich hier seine stärksten Momente. Es gibt zwar außer Umarmungen und Händen, die sich vorsichtig berühren, keine Kuss- oder Liebesszenen zu sehen. Doch die Sequenzen zwischen Ti Lung und Ching Li bersten nur so vor Leidenschaft.

Auch ungewöhnlich ist das Erzählen der Geschichte als große Rückblende. Anfangs wird die Figur von David Chiang wegen eines Mordes gefangen genommen und schreibt daher sein Geständnis nieder. Unterbrochen nur damit, dass immer wieder die Reaktion der Richter auf seine Geschichte eingeschoben wird.

Sogar in den Dialogszenen - häufig eine Schwäche dieses Genres - vermag der Film zu überzeugen. Chang Cheh war nicht nur ein Meister der Actionszenen, er hatte auch seine Qualitäten in der Schauspielführung. Obwohl er mit den Hauptdarstellern in diesem Fall auch nicht viel falsch machen konnte. Da ist zu aller erst David Chiang, der den Chang als charismatischen und besonnenen Kämpfer darstellt. Chiang ist zweifelsohne einer dieser Schauspieler, der eine ganz eigene und besondere Leinwandpräsenz besitzt. Das Chiang auch als Schauspieler überzeugt, überrascht aber schon, wenn man bedenkt, dass er seine Filmkarriere als Stuntman unter der Regie eben von Chang Cheh begann. Und Chang Cheh war von seiner Persönlichkeit so angetan, das er ihm zu nächst kleine Rollen in seinen Filmen gab und ihn schließlich zum Star seiner Filme machte. Seine Starpower konnte er in Filmen wie THE NEW ONE ARMED SWORDSMAN (Das Schwert des gelben Tigers) oder FOUR RIDERS unter Beweis stellen.

Chiang zur Seite gestellt wird Chen Kuan Tai, der seine Figur mehr als Draufgänger und nicht gerade sehr feinfühligen Charakter darstellt. Er ist es auch, im Gegensatz zur David Chiang, der nichts von der Affäre seiner Frau mitbekommt. Seine Darstellungsweise ist schon mal sehr expressiv, passt aber ganz vorzüglich zur Figur, die er dazustellen hat. Chen Kuan Tai wird dazu einer der dramatischsten Filmtode gegönnt, die man wohl je gesehen hat. Wie er sich einer Überzahl von Kämpfern entgegenstellt und in Zeitlupe stirbt, muss man einfach erlebt haben. Chen Kuan Tai gehörte - wie auch David Chiang - lange zum Stamm der Shaw Brothers-Studios. So war er noch in Filmen wie BOXER FROM SHANTUNG oder CRIPPELD AVENGERS (Vier gnadenlose Rächer) zu sehen. Allesamt natürlich von Chang Cheh inszeniert.

Auch wenn die oben beschriebene Todesszene eine Art Todes Ballet darstellt, hat dieser Film doch weit aus weniger Gewalt und Blut zu bieten als andere Chang Cheh-Filme. Wer also mehr auf Action steht, ist bei diesen Film vielleicht nicht so gut aufgehoben.

Beim Stichwort Todesballett muss natürlich erwähnt werden, dass kein geringerer als John Woo Regieassistent bei THE BLOOD BROTHERS war. Woo war häufiger Assistent bei Cang Cheh und diese Zusammenarbeit führte dazu, dass Cheh einen enormen Einfluss auf die Arbeiten von John Woo hatte. Auch Woo´s Filme handeln von Freundschaft und Kameradschaft, die seine Herioc-Bloodshed-Streifen von A BETTER TOMORROW (City Wolf) an bis zu seinem letzten Hongkong Film HARD BOILED bestimmten. Und auch in den Filmen von John Woo sind immer wieder ausgedehnte Zeitlupenszenen zu bestaunen. Zur Entstehungszeit von THE BLOOD BROTHERS kannte man den stilvollen Einsatz von Zeitlupe höchstens noch von Sam Peckinpah (THE WILD BUNCH).

In diesem Männeruniversum ist Ching Li als einzige Frau vertreten. Sie darf zwar nicht kämpfen, wird aber nicht nur auf die Rolle des Love Interest reduziert. Für das Genre ist Ihre Rolle ganz gut ausgefallen und Sie füllt diese mit Leben und liefert eine tolle schauspielerische Leistung ab. Wie die Herren gehörte sie auch fest zu den Shaw Brothers und war die Leading Lady des Studios. Sie war in zahlreichen Filmen von Chang Cheh (THE ANYMOUS HEROS) oder von Chu Yuan (HOUSE OF 72 TENANTS oder THE MAGIC BLADE) zu sehen.

Also alles in allem ein wirklich großartiger Chang Cheh Film. Die alte deutsche Videoveröffentlichung durch VPS hatte im übrigen gerade mal eine Laufzeit von nur 85 (!) Minuten. Trotz einer Kürzung von über einer halben Stunde funktioniert der Film sogar in dieser kürzeren Fassung, auch wenn natürlich die epische Wucht verloren geht. Solch drastischen Kürzungen waren leider früher üblich. Um so schöner ist es die Filme nun in voller Länge genießen zu können. Grundlage dieser Rezension ist die Veröffentlichung durch Celestial Pictures die den Film in toller Bild und Tonqualität veröffentlicht haben. Zwar wurde auch einiges neu vertont (vor allem Vogelgezwitscher und Windgeräusche), aber das kann man leicht verschmerzen. Als Extras gibt es die üblichen neu gemachten Trailer und eine Fotogalerie. Das Herzstück der Extras sind aber hier die Interviews mit David Chiang und Ching Li, die über ihre Arbeit mit Chang Cheh und natürlich über THE BLOOD BROTHERS sprechen.

Lars Mierke (14.04.2005)