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Veer-Zaara
Indien, 2004, 192 min

Regie: Yash Chopra
mit Shahrukh Khan, Preity Zinta, Amitabh Bachchan, Anupam Kher, Rani Mukherjee, Kiron Kher, Hema Malini, Manoj Bajpai

"Der indische Air-Force Pilot und Lebensretter Veer Pratap Singh (Shahrukh Khan) rettet bei einem Einsatz der quirligen Pakistanin Zaara Hayat Khan (Preity Zinta) das Leben. Die beiden lernen sich näher kennen und lieben, Zaara ist aber in Pakistan bereits einem Verlobten versprochen und diese Heirat ist von immenser politischer Bedeutung. So bedeutsam, dass man Veer über zwanzig Jahre in eine Zelle wirft, nachdem er Zaara in Pakistan besuchen kommt. Nach 22 Jahren, in welchen Veer kein einziges Wort in seiner Zelle gesprochen hat, wird die ehrgeizige Anwältin und Menschenrechtlerin Saamiya Siddiqui (Rani Mukherjee) auf ihn aufmerksam, hört seine Geschichte - und beginnt, für ihn zu kämpfen." (OliBlog.de)

Yash Chopra, eine der ganzen großen Figuren des indischen Films, hat sich überwiegend auf die Produktion erfolgreicher Filme verlegt. Schon vor seinem letzten Film DIL TO PAGAL HAI hatte er sich eine Auszeit gegönnt. Nach nunmehr sieben Jahren legt nun der Meister des romantischen Films sein neuestes Werk vor: VEER-ZAARA. Auf den ersten Blick nichts ungewöhnliches: Die übliche Top-Besetzung mit Indiens derzeit beliebtesten Stars, vor und hinter der Kamera nur ausgesuchte Fachleute und eine Story, die sich so liest, wie man sie erwartet. Liebe, Trennung vor dem Hintergrund des Pakistan-Konfliktes, Fügung in das Schicksal, Liebe und Respekt vor der Familie, Verzicht und Patriotismus. Einen gutes Bollywood-Masala erwartet man, und bekommt.....

...zu Anfang genau das. Ein gut aufgelegter Shahrukh Khan (Veer) in der Paraderolle des jugendlichen Abenteurers mit Familiensinn ist verzaubert von der frischen und schon fast unerträglich guten Preity Zinta (Zaara) aus Pakistan. Nachdem er ihr geholfen hat, die Asche ihrer geliebten Tanta Bebe in Indien rituell zu bestatten, wünscht er sich als Gegenleistung nur einen Tag von ihr, den sie mit ihm und seiner Familie verbringen möge. Seine Eltern sind moderne Inder mit schon fast progressiven Ideen von Gleichberechtigung, Toleranz und Zukunft (bezaubernd Amitabh Bachchan und Hema Malini). Natürlich folgt die Liebe bis dann kurz vor der Intermission (Pause) Zaara auf dem Rückweg von ihrem Verlobten abgeholt wird. Ein Umstand den Veer nicht kannte. Gähn!! Nichts neues aus Mumbai, möchte man meinen...

Wenn da nicht diese Rahmenhandlung wäre. Nach einer fröhlichen, farbenfrohen Song&Dancenummer als Opener endet diese abrupt mit einem Schuss und man sieht einen gealterten und gebrochenen Veer in einer pakistanischen Gefängniszelle sitzen. Die junge Menschenrechtsanwältin Saamiya Siddiqui (Rani Mukherjee) möchte dem geheimnisvollen Inder helfen und hört sich seine Geschichte an. Die Rückblende beginnt und die o.g. Geschichte beginnt.

Mit diesem Schachzug hält Chopra den Zuschauer trotz der doch recht konventionellen Etablierung der Liebesgeschichte zwischen Veer und Zaara bei der Stange. Man ahnt, dass eine große Katastrophe drohen wird und ist neugierig. Ungewöhnlich auch der für einen Bollywoodfilm - zumal von Chopra - düster Tonfall. Keine Albernheiten und kein Slapstick und immer wieder die fast Film-Noir-artigen Inserts in den Knast der heutigen Zeit, wo Veer seine Geschichte erzählt. Düstere Schatten liegen auf den Gesichtern, wobei die Geschichte bis zur Intermission immer noch den klassischen Bollywood-Regeln folgt.

Wenn dann Veer nach Pakistan reist, um die Hochzeit seiner Liebsten zu verhindern, sich dort aber den Zwängen fügt und die beiden den Abschied für immer beschließen und Veer dann von dem rasend eifersüchtigen und zutiefst verltetzten Verlobten durch eine List als Spion verhaftet wird, bekommt der Film eine neue Wendung. Die Gegenwart ist da und ein Courtroom-Drama entwickelt sich, um dann im Finale zu einem Fanal der Menschlichkeit und einer schon göttlichen Unerschütterlichkeit der Liebe zu metamorphieren. Wie Chopra hier neben einer spannenden Handlung, einer fast schon epische Liebesgeschichte einflechtet und letztlich noch Verständigung zwischen den beiden verfeindeten Nationen (der Umgang mit Pakistan ist mehr als fair, jedoch nicht völlig frei von Vorurteilen) und grenzenlosem Humanismus propagiert ist schlicht und ergreifend ein Meisterstück des modernen Hindi-Kinos.

Bewegend sind hier die Leistungen der Darsteller. Shahrukh Khan kann sich zwar auch als gebrochener alter Mann nicht von seinem Markenzeichen, dem leicht spöttischen Hundeblick von unten, trennen, gibt hier aber doch eine bewegende Leistung ab. Über seine wie immer phänomenale Ausstrahlung muss man gar nicht erst sprechen. Preity Zinta spielt etwas zurückhaltender als gewohnt. Sie gibt die Zaara, als vorsichtig moderne Frau, die zwischen Tradition und Progression hin- und hergerissen scheint. Ihre Darstellung der alten Zaara ist überzeugend und bewegend. Rani Mukherjee ist wohl die schönste Nebenrolle der Welt. Kaum einer ihrer Filme, in dem sie mal leading Actress sein darf. Zumeist spielt sie den schönen Sidekick, der der Hauptdarstellerin vorerst die (Liebes-)Tour vermasselt. Hier nun ist sie mal nicht Love-interest, sondern Anwältin und ganz eindeutig die treibende Kraft im letzten Drittel des Films. Sie macht ihre Sache gut. Neben ihrem fantastischen Äußeren, weiß sie durch Ausstrahlung und Spiel zu überzeugen. Mehr davon.

Neben dem gut ausgemachten Timing überzeugt vor allem die fantastische Bildgestaltung. Psychologische Bildkadrierungen, poppig-bunte und düstere Schattenbilder bestimmen das Geschehen. Neben den sehr schönen aber recht zurückhaltenden Settings stellt die Kamera einen zentralen Erfolgsfaktor des Films dar.

Die Song&Dancenummern sind anfangs recht konventionell aber hübsch inszeniert. Fast scheint es, als seien sie für Chopra nur notwendiges Übel um seine Geschichte erzählen zu dürfen. In den letzten Nummer verändert sich auch deutlich deren Stil. Kaum noch Tanz, eher Musik zu höchstemotionalen Bildern. Speziell die letzte Nummer bietet dann Emotionen pur und dürfte selbst eingefleischten Actionfans feuchte Augen bescheren. Unterstützt durch fantastische Wendungen des Buches und beeindruckendem Spiel der drei Hauptdarsteller ergießt sich in diesem Finale die gesamte Essenz des Films in einer emotionalen Gewalt über den Zuschauer, wie man es lange nicht mehr erlebt hat.

Ist das nun Kitsch? Ja klar, aber der Bollywoodfilm unterscheidet sich vom Sat-1-Film der Woche oder von etlichen Meg-Ryan-Vehikeln durch sein völliges Ausbleiben von Zynik und Subtext. Es gilt nur das, was auf der Leinwand zu sehen ist. Interpretationen sind unnötig. Genauso fehlt zynische Kalkuliersucht der Produzenten. Natürlich ist die indische Filmindustrie eine eben solche und kalkuliert mit den Emotionen der Zuschauer, aber die Filme wirken rein wie Erzählungen von Kindern, wie Märchen. Ob man dieses nun mag, sei jedem selber Überlassen, die Meister des emotionalen Kinos sitzen auf jeden Fall nicht in Los Angeles sondern im fernen Osten. Zu schämen muss man sich seiner Neigung des seelereinigenden Bollyooderlebnisses daher nicht. All diese Tugenden nun vereint VEER-ZAARA in sich und ich versteige mich zu der Aussage, dass der mehrfach preisgekrönte Film auch noch in 10 Jahren als Klassiker des indischen Kinos gelten wird.

Es bleibt ein Film, der anfangs seine Zeit braucht, diese Zeit aber auch - in der Rückschau betrachtet - benötigt und in der zweiten Hälfte eine unbändige emotionale Kraft entwickelt.

Derzeit kann man VEER-ZAARA als UK-DVD beziehen, beim örtlichen Inder seiner Wahl für ein paar Euro erstehen oder man wartet auf die Kinoveröffentlichung im Juni 2005 von REM (als "Veer und Zaara"), die den schon auf der Berlinale erfolgreichen Film für Deutschland reserviert haben, der mit Sicherheit noch eine DVD und - wie mittlerweile üblich - eine synchronisierte Auswertung auf RTL II folgen wird.

Mirco Hölling (31.03.2005)