"Indiens GONE WITH THE WIND(zieht man die psychologischen Abgründe in Betracht, auch sein DUEL IN THE SUN): die Geschichte von der leidgeprüften Existenz einer Mutter, an ihrem Lebensabend aufgerollt. Nach dem Verlust ihres Mannes versucht die Heldin in extremer Armut, ihre Kinder großzuziehen, während sie dem finanziellen und sexuellen Druck eines Wucherers sowie diversen Naturkatastrophen trotzt. Ein Sohn steht ihr pflichtbewusst zur Seite, der andere wird zum gewalttätigen Rebellen, gegen den sie schließlich einschreiten muss. Ein Remake von Mehboob Khans früherem AURAT, kombiniert Mother India neorealistische Einflüsse, sowjetische Kolchosen-Oper, Slapstick-Komödie, freudianische und nationalistische Allegorie (einmal arrangieren sich die Background-Sänger zur Karte Indiens) in fiebriger Emotionalität zum romantischen Lobgesang auf Indiens Bauernschaft. Ein in jeder Hinsicht überbordendes Technicolor-Epos, die Krönung der Karrieren von Mehboob und Bollywood-Königin Nargis und einer der populärsten und einflussreichsten Filme des indischen Kinos." (Filmmuseum)
Was GONE WITH THE WIND oder BIRTH OF A NATION für die Amis darstellt, ist MOTHER INDIA für das indische Volk. Noch heute läuft der Film vielerorts in indischen Kinos, viele Inder haben den Film um die 10 mal gesehen. Fast genau 10 Jahre nach der Unabhängigkeit Indiens von den Engländern, stellt MOTHER INDIA eine Bestandsaufnahme und ein Symbol der unerschütterlichen Hoffnung Indiens zu dieser Zeit dar. Die Umstände sind zwar schwer zu ertragen, aber mit Disziplin und Opferbereitschaft wird das Land zu neuer Stärke geführt werden. Deutlich symbolisiert dies die Eingangssequenz, in der die Hauptfigur, mittlerweile in greisem Alter, auf dem Felde ein Stück indischen Bodens geradezu liebkost, während im Hintergrund Bagger und Traktoren die Felder pflügen. Danach beginnt die Rückblende, in der die Geschichte der alten Frau erzählt wird, in der es keine Maschinen gab, und in einer zentralen Sequenz, die die Quintessenz des gesamten Filmes darstellt, die geschundene Frau alleine einen Pflug zieht, da ihre Ochsen allesamt verstorben sind. Dieses Bild der Frau am Pflug hat eine Bedeutung über den Film hinaus entwickelt.
Nicht von ungefähr erinnern diese Sequenzen an das sowjetische Kino mit der Verherrlichung der Arbeit, des einfachen Arbeiters und seinem klaren, gradlinigen und aufrichtigen Gemüt. Das Indien Nehrus war kein sozialistisches Land, orientierte sich aber deutlich an einer Kollektivwirtschaft und pflegte enge Beziehungen zur Sowjetunion. Auffällig auch die Symbole von Hammer und Sichel im Logo der Produktionsfirma des Regisseurs Mehboop Kahns, Symbol der Arbeit aber eben auch des Sozialismus.
Neben den Einflüssen des sowjetischen Kinos sind jedoch auch Elemente des Neorealismus vorhanden, alleine der häufig deprimierende Charakter dieses Genres geht diesem Werk ab. Trotz aller erschütternden Schicksalsschläge bleibt der Tonfall unterm Strich melancholisch optimistisch. Letztlich gilt: Alles Leid hat sich gelohnt.
Inhaltlich wird dem Zuschauer ein Schicksalsschlag nach dem anderen zugemutet. Fast ein wenig viel, zumindest für unsere Sehgewohnheiten. Der Widersacher stellt sich als gnadenloser Kapitalist heraus, der einerseits als brandgefährlich, aber auch als lächerliche Figur inszeniert wird. Ihm gegenüber steht die Heldin, die in allen Jahrzehnten, trotz aller Abhängigkeit aufgrund nicht zu bewältigender Rückzahlungen, nie ihren Stolz und die Ehre der Familie verletzt. Ihr Ehrgefühl, welches sich auch auf die anderen Dorfbewohner bezieht, geht sogar so weit, dass sie sich letztlich gegen ihre eigenen Söhne richtet. Stolz ist erlaubt, aber offener Widerstand und hemmungsloser Individualismus kein Mittel, nur Opferbereitschaft und Hingabe an Familie und Arbeit. Aus heutiger westlicher Sicht klingt das alles fürchterlich, durch die eindrucksvolle Inszenierung und die hervorragenden Darsteller und bei der Rezeption im Kontext des Zeitgeschehens stellt sich jedoch eine erhebliche Empathie ein.
Überhaupt, die Inszenierung: Eine großartige Kameraarbeit mit kräftigen Farben und etlichen Totalen von Menschen vor dem Hintergrund unbezwingbarer Natur ist mehr als beeindruckend und höchstästhetisch. Unterstützt durch einen treibenden Soundtrack und Gesangsnummern, die den Kontext der Story nie verlassen ist MOTHER INDIAs Charakter des Schlüsselwerkes einer Riesennation sofort erkennbar.
Es bleiben die hervorragenden Darsteller, die sich mit Inbrunst in die Rollen dieses Epos hineinknien. Nur in wenigen lustigen Momenten den Atem des "Großen" verlassend, zeichnen sie ihre Charaktere plastisch und im wahrsten Sinne des Wortes "mitleiderregend".
MOTHER INDIA, die Geschichte einer Nation, kapriziert auf eine einzige Frau muss als Meisterwerk des indischen Kinos gezählt werden, wenn nicht das, so zumindest als zentrales Stück Kino für eines der größten Länder der Erde.
Mirco Hölling (15.03.2005)
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