„Im Zentrum steht Chow, Journalist und Autor von populären Geschichten, zugleich ein Liebesdetektiv: Aufklärer, Flaneur und distanzierter Beobachter – und das Alter ego seines Regisseurs. Gespielt wird er in all seiner Charme ummantelten, kühlen Tristesse von Tony Leung. Chow ist ein naher Verwandter jener Figur, die Leung in IN THE MOOD FOR LOVE mimte, wenn auch kälter, hoffnungsloser als dort. Er hat eine unglückliche Liebe – womöglich die des letzten Films – hinter sich. Nun schläft Chow zwar mit vielen Frauen, doch Gefühle lässt er nicht zu, auch dann nicht, als ihm die wahre Liebe in Gestalt von Bai Ling (Zhang Ziyi) begegnet. Am Ende steht die Erkenntnis: >>Liebe ist wirklich eine Frage des Timings.<< Um diesen Kern hat Wong mehrere andere Episoden gelegt, die den Hauptstrang unterbrechen, umgeben, fortführen. Man weiß nicht genau, ob es sich bei all dem nur um das handelt, was der Autor schreibt, um seine Fantasien und Tagträume, eigene Erlebnisse und Erinnerungen – oder ob es doch Parallelwelten sind. Denn 2046 ist zugleich auch das Jahr, in dem eine dieser Stories spielt: Ein Mensch verliebt sich dort in einen Cyborg. Vor allem aber bezeichnet der Titel einen Zustand melancholischer Untätigkeit, einen Ort, von dem, wie es heißt, noch keiner entkommen sei. >>Du kannst 2046 nie verlassen. Du kannst nur hoffen, dass es Dich eines Tages verlässt. Niemand kam je zurück. Außer mir.<< „(filmdienst)
1999 war Wong Kar-Wais IN THE MOOD FOR LOVE ein weltweiter Hit. Der Film, angesiedelt im Hong Kong der 1960er Jahre, über eine Liebe, die nicht sein darf, war berührend, inhaltlich wie formal auf höchstem Niveau und fantastisch besetzt. Schon damals kündigte Kar-Wai sein Projekt 2046 an, seinerzeit noch als komplette Sci-Fi-Story. Dieser Plan scheint sich über die Jahre verändert zu haben, den 2046 ist nichts anderes als IN THE MOOD FOR LOVE 2. Zwar spielt das Jahr 2046 eine Rolle, aber nur als der Roman, den der Hauptdarsteller Tony Leung verfasst. Als Fantasiespiele werden Ausschnitte aus der imaginierten Zukunft gezeigt, die eigentliche Handlung setzt aber kurz nach dem Ende von IN THE MOOD FOR LOVE ein, obwohl sie diesen Film nicht direkt – nur thematisch – fortsetzt.
Wieder sitzt der Hauptdarsteller (diesmal Tony Leung, anstelle des verstorbenen Leslie Cheung) in einem kleinen Hotelzimmer und nimmt Kontakt mit Damen auf, die ebenfalls dort Quartier beziehen. Interessanter- und auch geheimnisvollerweise lässt Kar-Wai Tony Leung hier auf zwei Damen stoßen: Seine Zimmernachbarin (Raum 2046) und die Tochter des Hotelbesitzers. Die Episode mit ersterer (atemberaubend: Zhang Ziyi) stellt sich als die deutlich substanzreichere und spannendere heraus, während die zweite (Carina Lau) sich doch teilweise Lolita-haften Banalitäten und Klischees erschöpft. Richtig zünden wollen beide jedoch nur in der Nachwirkung, denn es stellt sich dem aufmerksamen Zuschauer eine ganz entscheidende Frage: Was soll das ganze?
IN THE MOOD FOR LOVE war sperrig, schwierig, codiert, aber geschlossen, homogen und fabelhaft geschrieben. Nicht zuletzt daher dürfte sich der weltweit so große Erfolg eingestellt haben. 2046 dagegen ist mit Sicherheit auch sperrig, schwierig und fast schon übercodiert, aber Homogenität und Geschlossenheit sucht man eher vergebens. Der Film ist episodenhaft und die einzelnen Versatzstücke ergeben nahezu keinen Gesamtzusammenhang. Es sollten wohl mehrere Ideen des Autoren in einen Film einfließen, ohne auf deren Kompatibilität Rücksicht zu nehmen. Zumal sich immer wieder die Frage stellt: Warum? Mit IN THE MOOD FOR LOVE war doch wahrlich alles zum Thema gesagt. Die nun folgenden Aspekte ergeben ohne Kenntnis des Vorgängerfilms kaum einen tieferen Sinn. Dem Buch scheint die lange Entstehungszeit nicht gutgetan zu haben. Alles wirkt ein bisschen überambitioniert und betont verquast.
Es gibt jedoch auch einiges zu entdecken: Bildgestaltung, Soundtrack, Atmosphäre, Darsteller und Setting sind mit Sicherheit als sensationell zu bezeichnen. Alles ist Emotion, Rausch, Bilder und Flut. Und genau hier liegt auch die Stärke des Films: 2046 ist Kino pur.
Christopher Doyle zaubert hier mal wieder Bilder auf die Leinwand, die einem den Atem rauben. Doyle gehört mittlerweile zu den aufregensten DoPs weltweit. Intimität, Farbspiel, psychologische Cadrierung, Symbolik...jedes Bild ist 100%ig durchdacht und wunderschön. Der Soundtrack weist wie im Vorgänger ein paar 60er-Jahre Schlager und einen irritierenden Score von Shigeru Umebayashi (HOUSE OF FLYING DAGGERS) auf.
Großartig allerdings die Darsteller: Tony Leung, allen voran aber Hong Kongs Superstar Zhang Ziyi spielen eindringlich und bewegend.
Mit einem etwas autarkeren Drehbuch hätte dieser Film ein Meisterwerk werden können, so ist es nur gutes Arthouse-Kino, welches man gesehen haben sollte, sich aber nicht problemlos in die Reihe der beeindruckenden Filme von Wong Kar-Wai einreihen lässt. Besonders ärgerlich, da die in Cannes 2004 gezeigte Fassung wesentlich von der vorliegenden abwich und sich deutlich auf die Beziehung zwischen Tony Leung und Zhang Ziyi konzentrierte und das Zentrum des Filmes darstellte, welches nun während über der Hälfte der Spielzeit keine Rolle mehr spielt.
Der Film startet im Januar 2005 in den deutschen Kinos. Derzeit steht bereits eine qualitativ gute HK-DVD zur Verfügung, die neben dem Film über einen Trailer verfügt. Vorsicht vor der DVD aus China: Schlechte Qualität, Schnitte und eine Firmenlogo, welches regelmäßig erscheint, macht den Genuss des Films eher zweifelhaft.
Mirco Hölling (07.01.2005)
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