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Sometimes Happy, Sometimes Sad
Indien, 2001, 210 min

Regie: Karan Johar
mit Shahrukh Khan, Kareena Kapoor, Amitabh Bachchan, Jaya Bhaduri, Kajol Devgan, Hrithik Roshan

„Die einst so glückliche Familie Raichand ist entzweit; der älteste Sohn Rahul widersetzt sich der für ihn arrangierten Heirat - er hat sich nämlich in die nicht standesgemäße, quirlige Anjali verliebt. Sein despotischer Vater Yash verstößt ihn daraufhin, und Rahul beginnt mit Anjali ein neues Leben in London. Viele Jahre später hat die Mutter den Verlust ihres ältesten Sohnes noch immer nicht verwunden, und die Familie Raichand droht nun gänzlich auseinanderzubrechen. Daraufhin macht sich der jüngere Sohn Rohan auf die Suche nach seinem großen Bruder, um die Famile wieder zu vereinen...“ (rapideyemovies)

SOMETIMES HAPPY, SOMETIMES SAD ist der erste Bollywood-Film, der in der westlichen Welt (und dort v.a. vor einem nicht-indischstämmigen Publikum) für Furore sorgte. Er vermochte tatsächlich die US- und auch die UK-Charts zu erklimmen und nicht nur ein respektables, sondern ein sensationelles Einspielergebnis zu erzielen.

Nun ist der Film auch ein Superlativ. Die Besetzung ist (natürlich für indische Verhältnisse) aller erster Güte. Sechs Superstars aus drei Schauspielergenerationen tummeln sich zumeist vergnügt tanzend auf der Leinwand, die Settings sind sensationell üppig und die Bildgestaltung elegant und edel.

Man könnte sagen: SOMETIMES HAPPY, SOMETIMES SAD ist die Quintessenz Bollywoods, denn hier wird all das geboten, mit dem man diese Art des Kinomachens verbindet, aber was man ihr auch vorwirft. Insgesamt ist ein Bollywoodfilm nie geschlossen und komprimiert. Man sieht zumeist 2 – 3 Filme in einem, neben dem dramatischen, romantischen, teilweise spannenden Aspekten ist auch immer Raum für reichlich Humor und – natürlich –zahlreiche Song&Dancenummern.
Westliche Zuschauer spalten sich in Begeisterte und radikale Ablehner einer Filmform, die irgendwo bei Hollywood in den 30er/40er Jahren (Busby Berkeley, Vincente Minnelli) anfängt und sich dann komplett eigenständig weiterentwickelte. Logische und chronologische Brüche sind nicht Versehen sondern Stilmittel. Soeben befand man sich noch in einem Dialog und urplötzlich tanzen die Protagonisten vor verschiedenen Settings in zig Kostümen und stellen damit ihre wahren Gefühle dar. All das erinnert an die Oper, wo die Handlung auch im Rezitativ oder im gesprochen Text abläuft und die Arien/Duette etc. den Handlungsverlauf einfrieren und lediglich innere Handlung darstellen. Hier wie dort werden aber Feste, Aufmärsche u.ä. genutzt, um Song&Dancenummern auch in die tatsächliche Handlung zu integrieren. All das führt dazu, das zwei Protagonisten soeben noch engumschlungen vor romantischer Kulisse ihre Liebe besangen, sogleich aber wieder im Alltag so tun, als mögen sie den anderen nicht.
Für ein westliches Publikum, welches sich dem US-Logik-Diktat gebeugt hat, erst mal schwer zu begreifen und auch zu konsumieren, obwohl Elemente dieser Filmart in westlichen Kinos bereits Einzug gefunden haben (MOULIN ROUGE, mit Abstrichen DANCER IN THE DARK).

SOMETIMES HAPPY, SOMETIMES SAD nun glänzt durch üppige Ausstattung und wahrhaft schöne Menschen, die sich ebendort tummeln. Mit indischem Realismus hat das natürlich rein gar nichts zu tun. Bollywood soll prinzipiell Projektionsfläche für Träume sein und hegt keinen Anspruch an die Darstellung tatsächlicher, realer Probleme (obwohl es auch hier Filme mit interessanten Spannungsverhältnissen gibt; vergl. DIL SE). Der Tonfall des Films ist fröhlich, lustig, streckenweise albern. Alles ist schön, schöner am schönsten. Die namhaften Darsteller haben eine großartige Leinwandpräsenz, müssen aber – ob der eher schlichten Handlung – nicht in die absolute Charakterdarstellerkiste greifen. Der unzweifelhaft hochdramatische Konflikt zwischen Tradition und Moderne, Familie und Selbstbestimmung, Liebe und Pflicht wird anfangs (in den ersten 100 min!) in Form einer Rückblende doch arg fröhlich und emotional etwas sehr kitschig präsentiert. Erwartet man nach einem kurzen dramatischen Dialog nun eine Verdüsterung der Szenerie, kommt mit Sicherheit wieder eine fröhliche Song&Danceeinlage oder eine fast schon albernes komödiantisches Intermezzo.

Leider sind genau die Song&Dancenummern sehr häufig beschränkt auf große Fest- oder Ballszenen und (bis auf eine fantastische Ausnahme) weniger Duette, die emotional doch mehr zu Herzen gehen, als die Darstellung des Kulissen-, Kostüm, und Tanz-Prunks der meisten anderen Nummern. Die Choreographie dieser Szenen (Starchoreographerin Farah Khan) ist allerdings exquisit, elegant und äußerst dynamisch, wenn auch mit einem Hauch von Eintönigkeit.

Getragen wird der Film zu dieser Zeit von 4 Darstellern: Die Eltern, dargestellt von dem Schauspielerehepaar Amitabh Bachchan und Jaya Bhaduri – beide genießen in Indien gottgleiche Verehrung – und dem Liebespaar: dem aktuellen männlichen Sexsymbol Shahrukh Khan und der bezaubernd frechen Kajol. Was hier an Leinwandpräsenz geboten wird haut einen förmlich um, auch wenn die Schauspielkunst an sich nicht höchsten Maßstäben genügen dürfte.

Wenn dieser Teil des Film sich dem Ende nähert, wechselt der Tonfall und v.a. der Handlungsort verlagert sich nach London. Plötzlich treten mit den jeweiligen Geschwistern des Liebespaares (die sich natürlich auch noch ineinander verlieben) zwei nachrückende und sehr gehypte Jungstars des indischen Kinos auf den Plan: Hrithik Roshan und Kareena Kapoor übernehmen nun das Zepter und versuchen die Familie wieder zu vereinen (und ihr persönliches Glück miteinander zu finden). Beide Darsteller sind zwar recht nett anzusehen, verfügen aber nicht über die Präsenz der o.g., was dem Film an dieser Stelle ein wenig schadet. Denn leider tritt v.a. die im ersten Teil so erfrischende Kajol mit ihrer Kodderschnauze gegenüber ihrer jüngeren Kollegin deutlich in den Hintergrund. Die klaffende Lücke vermag Kareena Kapoor nicht vollständig zu füllen und Roshan ist leider nur schön, ohne einen Hauch von Selbstironie.

Spaßig ist an dieser Stelle, die Veralberung englischer Sitten und der Engländer an sich. In Indien, dem Land der ehemals okkupierten, wohl immer einen Lacher wert, die Ex-Okkupanten zu verhöhnen und die indische Nation und deren Bürger als höherwertig zu verkaufen. Wenn Kareena Kapoor als Schülerin der Star ihrer londoner Schule ist, hat das mit einer realistischen Sichtweise herzlich wenig zu tun. Sicherlich müssen indische Mädchen in London – wie alle Ausländer überall auf der Welt – sich eher vor Vorurteilen und Diskriminierungen schützen, denn die Einladungen der zahlreichen britischen Verehrer sortieren. Sei‘s drum, das ist Bollywood (wie auch der Postkartenkitschblick auf die englische Metropole).

Auch in dieser Episode (ca. 80 min!) bleibt der Tonfall, trotz der mittlerweile höchstdramatischen Situation und eines ausufernden Konfliktes, fröhlich bis albern. Man ergeht sich in kleinen Scherzchen und Neckereien und die Protagonisten der ersten Episode (Kahn und Kajol) werden leider auf leicht vertrottelte Stichwortgeber für Roshan und Kapoor reduziert.

Wenn man schon denkt, den Film unter „unterhaltsam und fröhlich“ abstempeln zu können, kommt endlich das Finale (30 min!), welches dann für den während der ersten 180min(!) streckenweise zu fröhlichen Tonfall vollauf entschädigt. Jetzt geht’s emotional derart zur Sache, dass sich dieser „Cry-Attack“ wohl auch kaum hartgesottene Fans von Actionfilmen mit van Demme & Co entziehen können.

Im Finale wendet sich – natürlich – alles zum Guten und die Figuren (resp. der indische Zuschauer) haben ihre Moral gelernt und herzhaft mitheulen können. Unterstützt wird diese emotionale Attacke von dem unglaublich eingängigen Titelsong, der leitmotivisch über den gesamten Film verwendet wird und das episch Breite des Films famos unterstützt.

Was während des ganzen Films an Bildern geboten wird ist schlichtweg sensationell, wenn auch nur eine Song&Danceeinlage (o.g. Duo von Kahn und Kajol) wirklich im Gedächtnis bleibt. Plötzlich tanzen sie in fantastischen Bildern vor den ägyptischen Pyramiden und ähnliche Extravaganzen.
Die Musik dagegen ist bestimmt durch den Titelsong „Kabhi Khushi Kabhi Gham“, den man wohl mit einem breiten Lächeln im Gesicht noch Tage später im Kopf mit sich herumtragen wird.

Wenn man sich auf Bollywood einlassen möchte, ist dieser Film als Einstieg mit Sicherheit zu empfehlen, wenn auch vermutlich Frauen etwas mehr gefallen finden dürften, da die Handlung - aller dramatischen Wendungen zum trotz - derart gewollt romantisch-fröhlich daherkommt. Während der ersten 2 ,5 Stunden wünscht man sich manchmal etwas weniger HAPPY und etwas mehr SAD, das Finale entschädigt dann jedoch restlos und man ist wieder dem Bollywoodphänomen erlegen, dass Gefühle ruhig groß sein dürfen, jedoch nicht schablonenhaft, wie so häufig im US-Kino erlebt.

SOMETIMES HAPPY, SOMETIMES SAD ist als Doppel-DVD von REM erhältlich. Das Bild ist nicht ganz brilliant, aber okay, der Ton in wunderbarem 5.1 abgemischt. Zusätzlich gibt es einige Dokus etc. Demnächst wird RTL II eine entsetzlicherweise gekürzte und synchronisierte Fassung im deutschen Fernsehen unter dem Titel IN GUTEN WIE IN SCHWEREN TAGEN ausstrahlen. Finger weg!!

Mirco Hölling (09.11.2004)

Aufgrund des großen TV-Erfolges hat REM eine zweite Auflage ihrer DVD unter dem TV-Titel IN GUTEN WIE IN SCHWEREN TAGEN auf den Markt geworfen. Im Gegensatz zur ersten Auflage ist hier jetzt auch eine deutsche Synchronisation zu finden.