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Dil Se
Indien, 1998, 163 min

Regie: Mani Ratnam
mit Shahrukh Khan, Manisha Koirala, Preity Zinta

„Der Reporter Amar Kant Varma reist durch Indien, um anlässlich des 50. Jahrestages der Unabhängigkeit Interviews zu machen. Dabei trifft er eine junge Frau. Ohne Erfolg versucht er die mysteriöse Aura zu durchbrechen, die sie umgibt. Er lässt sich nicht beirren. Schließlich bittet sie ihn um eine Tasse Tee. Dann ist sie verschwunden. In einer anderen Stadt trifft Amar sie wieder. Wieder weist sie ihn ab, lügt ihn an und sorgt dafür, dass er zusammengeschlagen und schwer verwundet zurückgelassen wird. Dann verschwindet sie erneut. Aber er hegt immer noch Hoffnung, sucht nach ihr und findet sie schließlich in Ladakh. Zur Rede gestellt, sagt sie, dass ihr Name Meghna sei und dass sie ihn angelogen habe, um in Ruhe gelassen zu werden, denn sie gehöre zu einer Gruppe Aufständischer und habe eine Mission zu erfüllen. Er versucht sie zu vergessen, wird aber immer enger in ihren Bannkreis hineingezogen, bis schließlich von allen Seiten Gefahr droht: ein Polizei-Team hält ihn für einen Terroristen, und die Terroristen wollen ihn loswerden. Aber Amar gibt seine Suche nicht auf.“ (fdk-Berlin.de)

DIL SE von 1998 ist ein anfangs bodenständiger, fast schon volkstümlicher Bollywoodfilm vom renommierten Regisseur Mani Ratnam. Selbstverständlich wechseln – wie üblich – die Stimmungen und Genres recht häufig, jedoch überwiegt zu Anfang ein eher auf Ästhetik, Romanze und Fröhlichkeit gerichteter Tonfall. Die Versuche von Amar, seiner geheimnisvollen Schönen Meghna auf den Fersen zu bleiben sind amüsant und romantisch, unterbrochen natürlich durch entsprechend choreographierte Song & Dance-Nummern.

Später ändert sich der Tonfall etwas, wenn Amar sich entscheidet, dem Familiendruck nachzugeben und die äußerst sympathische Preeti zu ehelichen. Als Meghna unerwartet wieder auftaucht entfaltet sich ein Bollywood-typisches Drama um Gewissen, Liebe und Loyalität. Parallel entwickelt sich ein veritable Thrillerhandlung, die auch das Geheimnis um Meghnas Motive lüftet, Terroristin geworden zu sein. An dieser Stelle ist der Film aufgrund seiner brillanten Inszenierung schockierend und eindringlich. Dieser düster-aggressive Tonfall wird dann bis zum dramatischen Finale beibehalten. Erstaunlich ist hierbei, wie Ratnam die Entertainment-Aspekte deutlich in den Hintergrund schiebt und eine unverhohlene, fast wütende Skepsis gegenüber dem Staat und seinen Organen an den Tag legt.

Die Hauptdarsteller geben eine formidable Leistung ab, auch wenn der Bollywoodstar Shahrukh Khan anfänglich ein wenig zum overacten neigt. Manisha Koirala dagegen gibt die Meghna sehr überzeugend und bewegend. Ihre zarte Zerbrechlichkeit mit dem gepeinigten Inneren, ihre Zerrissenheit zwischen Liebe zu Amar und Pflichterfüllung ihren Führern gegenüber spricht aus jeder Faser ihres Gesichtes. Dabei ist sie – nicht auf den ersten Blick als bildhübsch zu bezeichnen – deutlich die dominierende Rolle des Films und verleiht ihm Eleganz und Tiefe.

Der Film wirkt anfangs etwas atemlos und hektisch, da die Gestaltung des Schnitts auf Turbulenz ausgelegt ist. Die Song&Dancenummern wirken da wie Verschnaufpausen in einem Film in dem das Moment der Romantic Comedy vermeintlich im Vordergrund zu stehen scheint. Die Tanznummern sind hervorragend choreographiert. Zu beachten ist hierbei der Tanz auf der fahrenden Bahn, der die Choreographin Farah Khan zum Star ihrer Zunft machte (mittlerweile ja auch als Regisseurin bei MAIN HOON NA tätig). Es ist zu vermuten, dass Lars von Trier bei seiner "Tanz auf der Bahn"-Sequenz bei DANCER IN THE DARK durchaus den einen oder anderen Blick auf DIL SE riskiert hat. Die optische Gestaltung ist sowohl von der Motivwahl her (viel großartige Naturkulisse) als auch durch die famose Kameraarbeit (Santosh Sivan) aufregend.

Die Songs sind volkstümlich/modern, haben leider nur streckenweise Ohrwurmcharakter, gut wird jedoch mit Leitmotiven gearbeitet, so dass die Tanznummern auch eine Wirkung über den Selbstzweck hinaus erfüllen.

Ganz fantastisch und aufregend ist das, was Santosh Sivan (später selber Regisseur) hier mit der Kamera veranstaltet. Sowohl Motivwahl als auch Führung seines Arbeitsgerätes sind abwechselnd dynamisch, wirkungsvoll, streckenweise sogar experimentell oder unglaublich ästhetisch.

Alles in allem ein sehr sehr runder Bollywoodfilm, dem man ans Herz legen kann und muss, wobei dringend zu raten ist, durchzuhalten, denn die erste Hälfte könnte dem ungeduldigen Betrachter zuerst etwas zu konventionell erscheinen.

Mirco Hölling (27.10.2004)

DIL SE lief im Februar 2005 auf ARTE im deutschen TV unter dem Titel "Von ganzem Herzen". Im März 2005 erscheint eine deutsche DVD von Rapideyemovies unter dem Titel DIL SE - VON GANZEM HERZEN.